Margarete Schütte-Lihotzkys Geburtstag jährt sich am 23.1.2017 zum 120. Mal

Margarete Schütte-Lihotzky: Siedlung Römerstadt, Frankfurt am Main: Mustergarten der 1920er-Jahre aus dem Projekt Neues Frankfurt – mit Gartenlaube, Ansicht des Gartens von außerhalb des Grundstücks | Foto: wikimedia commons

Bis zum letzten Platz war die Säulenhalle des Wiener MAK an einem Abend Anfang 1997 gefüllt. Eine erwartungsvolle, „aufgeräumte“ Stimmung machte sich zusehends unter den zahlreich Versammelten breit. Dann schritt eine zierliche Dame mit noch erstaunlich rüstigem Schritt auf das Podium zu. Wie auf unsichtbaren Befehl erhob sich in der Sekunde das gesamte Publikum und begann zu applaudieren. Nicht enden wollende Standing Ovations. Gab es aber auch viel zu würdigen: Ein Leben voller Herausforderungen, voll von einem unbeirrbaren Innovationsgeist und einem unerschütterlichen Willen. Die Jubilarin, Margarete Schütte-Lihotzky, feierte damals ihren 100-jährigen Geburtstag.

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste österreichische Architektin. Als erste und einzige Frau studierte sie von 1915 bis 1919 an der K.K. Kunstgewerbeschule in Wien, der heutigen Universität für angewandte Kunst. Der Ruf der Wiener Kunstgewerbeschule als beste Europas habe sie bestärkt, allen Schwierigkeiten zum Trotz sich hier um einen Studienplatz zu bewerben, so meinte sie später in Interviews. Ihre Lehrer waren Oskar Strnad und Heinrich Tessenow. Ab 1922 arbeitete Margarete Lihotzky für die „Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs" und war gemeinsam mit Adolf im Baubüro der Siedlung Friedrichsstadt am Lainzer Tiergarten tätig. So war die Architektin seit Beginn ihrer Tätigkeit von Persönlichkeiten der frühen Moderne geprägt und seit der Zusammenarbeit mit Adolf Loos auch mit der Siedlungsbewegung und damit mit Fragen einer effizienten, sparsamen Haushaltsführung vertraut. Es folgen mehrere Aufträge für Wohnungsbauten (u.a. arbeitete sie an Bauten des Roten Wien mit, wie z.B. am Otto Haas-Hof oder am Winarsky Hof), Kleingartensiedlungen (Siedlung Hirschstetten, Siedlung Eden) und Kindergärten. 1926 wird sie von Ernst May nach Frankfurt berufen, wo sie 1927 ihre berühmte Frankfurter Küche zeigt. Damit wurde sie international bekannt, nachfolgend oft auch darauf reduziert – zu ihrem großem Verdruss.

„Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!" – ein in der Folge beliebtes Zitat der Architektin. 2007 nahm eine Ausstellung in der Ausstellungshalle im Heiligenkreuzerhof in Wien diesen Ausspruch zum Anlass um rund 200 erstmals präsentierte Objekte aus ihrem Nachlass (der im Archiv der Universität für Angewandte Kunst aufbewahrt wird) zu zeigen. Ein Objekt wurde bewusst ausgelassen: eben die weltweit berühmte Frankfurter Küche ...

Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Wilhelm Schütte, folgte sie 1930 dem Leiter des Hochbauamts, Ernst May, in die Sowjetunion, wo sie u. a. in der Planung der Retorten-Industriestadt Magnitogorsk ihre Architekturideale umsetzte. Ab 1937 lebt Schütte-Lihotzky in Paris, London und Istanbul. Nach Wien zurückgekehrt, wurde sie 1940 als Widerstandskämpferin von den Nationalsozialisten verhaftet. Fünf Jahre Haft im Frauengefängnis Aichach folgten. Nach ihrer Befreiung 1945 und einem Aufenthalt in Sofia kehrte sie 1947 wieder nach Wien zurück. Sie wollte sich mit ihrer internationalen Erfahrung im sozialen Wohnungsbau als Architektin am Wiederaufbau der Stadt beteiligen. Aus parteipolitischen Gründen erhielt sie jedoch in der Nachkriegszeit kaum öffentliche Aufträge. Margarete Schütte-Lihotzkys Einsatz für Frauenfragen und die Friedensbewegung blieb jedoch ungebrochen. Sie nahm an zahlreichen Kongressen teil (u.a. 1947 an der ersten CIAM-Tagung in Zürich), unternahm Studienreisen, war für Kuba und Berlin für den Kindergartenbau tätig. Ehrungen wurden ihr sehr spät zuteil: Sie erhielt zahlreiche Ehrenmitgliedschaften und u.a. 1993 das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

An Margarete Schütte-Lihotzkys 120 Geburtstag stellt sich die Frage: Welche Antworten hätte die Architektin uns heute zu einer Welt mit steigendem Populismus, mit noch immer ungelösten Fragen in punkto Gleichberechtigung, mit einer zunehmenden Terrorgefahr oder mit einem US-Präsidenten der neuen Art gegeben? Schade, dass wir sie nicht mehr befragen können!