Abgegeben und ausgebrannt

Mentale Gesundheit im Architekturstudium⁠

08:30 Uhr, aufstehen. Kaffee. In die Uni fahren. Grundrisse zeichnen. Kaffee. Rendern. Computer abgestürzt. Zigarette. Oh, schon 17 Uhr? Kaffee. Ich sollte mal was essen. Präsentation vorbereiten. Plot exportieren. Kaffee. Schon wieder eine Nachtschicht.⁠

Text: Selina Wach | Grafik: ChatGPT⁠


Was klingt wie eine überzeichnete Alltagsskizze, ist für viele Architekturstudierende Realität. Strenge Zeitpläne, ständige Deadlines und ein unausgesprochener Leistungsdruck formen eine Ausbildung, die Kreativität verspricht – aber oft in Erschöpfung endet. In Gesprächen mit Arbeitspsychologe Severin Hornung und Architekturtheoretikerin Tatjana Schneider zeigt sich: Nicht die Belastung einzelner ist das Problem, sondern eine Ausbildungskultur, die Selbstausbeutung zur Norm gemacht hat.

Unsichtbare Regeln: wie das System krankt Was macht Architekturstudierende so anfällig für psychische Belastungen? Die im Juli 2024 veröffentlichte US-amerikanische Studie „Mental Health Challenges in Architecture and Landscape Architecture Students“ zeigt: Ein Drittel der Befragten leidet unter schweren Symptomen von Depression oder Stress, fast die Hälfte unter Angstzuständen – meist unbehandelt. Als Hauptbelastungen nennen sie enge Fristen, zu hohe Arbeitslast, Schlafmangel und fehlende Wertschätzung. Viele berichten von Erschöpfung, Essstörungen, sozialem Rückzug, Konzentrationsproblemen – einzelne sogar von Panikattacken oder Klinikaufenthalten. Der Leidensdruck ist hoch, aber er bleibt oft unsichtbar. In der Studie wird auf das „Hidden Curriculum“ verwiesen. Gemeint sind unausgesprochene Regeln, die den Alltag der Architekturstudierenden bestimmen – etwa die implizite Erwartung, Nächte im Studio zu verbringen, Entwürfe bis zur Selbstaufgabe zu optimieren oder sich ständig mit Kommiliton:innen zu vergleichen. Was nicht in Studienplänen steht, wird durch die Studienkultur vermittelt: Leistungsdruck, Elitismus, Konkurrenz. Architektur wird nicht nur gelehrt – sie wird sozialisiert. Diese tief verankerten Muster lassen sich historisch fassen: In der Architektur kursiert bis heute das Ideal des „heroischen Entwerfenden“. Es wurzelt in der sogenannten heroischen Moderne, einer Phase des 20. Jahrhunderts, in der Architektur mit gesellschaftlicher Mission und individueller Genialität aufgeladen wurde. Das Bild des kompromisslosen, opferbereiten Architekten – männlich konnotiert, schöpferisch, rastlos – lebt bis heute in Entwurfskritiken, Vorbildern und Berufsleitbildern fort. Die damit verknüpfte Ideologie: Wer es wirklich ernst meint, muss bereit sein, sich selbst zu verzehren.

Intrinsisch motiviert – extrinsisch erschöpft Woran liegt es, dass ausgerechnet die Studierenden, die sich mit voller Überzeugung für ihren Beruf engagieren, so häufig am Rande der Erschöpfung stehen? Severin Hornung, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Innsbruck, nennt das die „intrinsische Motivationsfalle“: Je sinnstiftender eine Tätigkeit empfunden wird, desto größer ist die Gefahr, sich in ihr zu verlieren. Wer aus Überzeugung entwirft, braucht keinen äußeren Zwang – die Selbstausbeutung findet automatisch statt. Anders als klassische Arbeitsbelastung basiert diese Arbeitsweise nicht auf Kontrolle, sondern auf Identifikation. Es ist gerade der Idealismus, der krank machen kann. „Arbeit wird zur Währung“, sagt Hornung. „Wir werden nicht mehr für Arbeit bezahlt, sondern mit Arbeit.“ In Berufen wie der Architektur verschmilzt das Selbst mit der Tätigkeit – es gibt keine Grenze mehr zwischen Privatleben und Leistung. Diese Entwicklung ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Dynamiken. Hornung spricht von einer Kultur des „unternehmerischen Selbst“: In der Logik neoliberaler Gouvernementalität sehen sich viele junge Menschen nicht mehr als Angestellte, sondern als eigene Projekte. Sie investieren in ihr „Humankapital“, optimieren Lebensläufe, bauen Profile – oft auf Kosten der eigenen Gesundheit. „Man identifiziert sich zunehmend selbst als kompetitive Unternehmung“, so Hornung. Wer sich entzieht, riskiert den Ausschluss. Wer mitmacht, zahlt mit Erschöpfung. Diese Struktur erzeugt paradoxe Spannungen: Das Bedürfnis nach Sinn trifft auf ökonomische Zwänge, die das Sinnhafte ausbeuten. Das Resultat ist eine Arbeitskultur, die Engagement mit Selbstverleugnung verwechselt – und systematisch individuelle Belastung produziert. Besonders gefährdet sind dabei all jene, die ihre Arbeit nicht nur als Job, sondern als Berufung verstehen. Architekturstudierende, so Hornung, sind dafür ein Paradebeispiel: „Weil es sich um kreative Arbeit handelt, bei der man sich selbst verwirklichen kann, hat die Arbeit auch eine Art Sog. Man muss sich nicht nur pushen, sie zu tun – die Arbeit zieht einen auch an.“ Doch dieser Sog – so produktiv er kurzfristig wirkt – kann langfristig zerstörerisch sein...


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Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 7-8/2025. Der Volltext ist ab Seite 36 zu finden.

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