Modern Classics 11

Moderne Architektur und Weltpolitik

Die Gebäude der Generalversammlung und des Sekretariats der UNO in New York, 1947-52 (c) Wiki Commons

Im Februar 2020 entstand eine heftige Debatte über einen geplanten Erlass von Präsident Donald Trump, US-Bundesgebäude zukünftig nur mehr im „klassischen Stil“ zu errichten. Warum? Regierungsbauten und Amtssitze internationaler Organisationen spiegeln stets auch die kulturelle Haltung ihrer Bauherren – also von Repräsentanten eines oder mehrerer Staaten. Deren Bürger sich dann eben besser oder schlechter repräsentiert fühlen. Das Kultur-Selbstbild einer Nation steht nie fest und ist ein dynamischer Prozess mit permanenten, mehr oder minder abrupten Kursänderungen: So gesehen ist Trumps Manöver historisch keineswegs singulär. Ein selektiver Rückblick auf ein polarisierendes Bau-Thema.


 

Öffentliche Bauten provozieren naturgemäß auch öffentliche Debatten. In Demokratien soll das auch so sein. Speziell beim Bauen glaubt -- zurecht -- jeder mitreden zu können, da man eine gelungene kulturelle Sozialisierung in einer gewachsenen Umwelt -- ebenfalls völlig zurecht -- für relevant hält. Und dieses Engagement potenziert sich: Je größer Volumen und Kosten des Bauvorhabens sind und je mehr Menschen es repräsentiert, desto komplexer sind die Debatten. Involviert sind dann nicht nur die jeweiligen Öffentlichkeiten, sondern vor allem die verantwortlichen Institutionen, Staatsmänner und -Frauen sowie Architektinnen und Architekten. Die Architektur-Agenda ist jedoch oft in sich uneinheitlich und unterscheidet sich in Demokratien deutlich von der politischen. So entsteht bei großen öffentlichen Projekten ein nahezu undurchdringliches Interessensgeflecht, das manchmal erst mit ausgesprochen undemokratischen Schlägen durch diese gordischen Knoten "gelöst" wurde. Gerade diese fachlich kaum zu rechtfertigenden Entscheidungen "starker Männer" ernten aber häufig Beifall. Was Architekten dann gerne als verwerflichen „Populismus“ geißeln, offenbart eben auch das Problem der kulturellen Eliten, einen Ausgleich zwischen ihren Idealen, die keinen Kompromiß dulden, und dem Empfinden weniger gebildeter Bürgerinnen und Bürger anzustreben. Paradox: So gesehen erwiesen sich Diktatoren, die nach Volksgeschmack bauten, oft als die besseren „Demokraten“ im Vergleich zu jenen totalitären Visionen der historischen Avantgarde, die der reinen Kunst-Lehre anhingen. Manche Diktatoren konnten übrigens beides -- etwa Benito Mussolini in Italien. Kunst per se ist etwas höchst "Undemokratisches", nämlich eine Essenz jenes irreversibel gebieterischen Individualismus, der mit Aufklärung und Industrialisierung entstand. Die Kunst, gute Kunst (Architektur) in Akzeptanz größerer Gesellschaftsgruppen zu liefern ist es also, den Kunst-immanenten ästhetischen Egoismus mit sozialer Verantwortung zu kombinieren. Nur so entsteht nachhaltig Mehrwert – eine Kunst, die nur die größten Architekten in Vollendung beherrschen.

Demokratische Entscheidungsverfahren müssen nicht zwangsläufig auch zu unbefriedigenden Lösungen führen.

 

Die UNO-Gebäude in New York (c) Wiki Commons

Die UNO-Gebäude in New York (c) Wiki Commons

Beispielhaft lassen sich diese Konflikte um Form und Funktion der prominentesten öffentlichen Bauten an Projekten für globale Organisationen erleben. Die Geschichte der Moderne hält dafür mit den Amtssitzen der Vereinten Nationen (UNO) und ihrer gescheiterten Vorgängerorganisation, dem Völkerbund, höchst anschauliche und lehrreiche Beispiele bereit. Die Hauptsitze dieser Organisationen befinden sich in New York, Genf und Wien. Der bekannteste von ihnen ist jener in New York, der 1947-1952 von einer Architektengruppe unter dem erfahrenen New Yorker Hochhaus-Architekten Wallace Harrison mit Le Corbusier, Oscar Niemeyer und anderen errichtet wurde. Schon mit der Entscheidung des Bauherrn für diese Planungsmethode mit einem großen internationalen Architektenteam und erst recht mit dessen personeller Besetzung war die Formfrage weitgehend präjudiziert. Es konnte nämlich keine Architekturhaltung realisiert werden, mit der sich die Regierungen jener elf Staaten, die die Mitglieder des Planungsteams nominierten, nicht identifizieren konnten.

Der niedrigere Trakt der Vollversammlung bei der UNO in New York (c) Wiki Commons

Der niedrigere Trakt der Vollversammlung bei der UNO in New York (c) Wiki Commons

So gesehen überrascht die Modernität des bekannten Ensembles mit seinem poetischen Kontrast zwischen einem flach liegenden Bauteil für den großen Saal der Generalversammlung unter seinem sanft geschwungenen Dach mit zentraler Kuppel und einer 154 m aufragenden Hochhausscheibe. Es ist ein durchaus gelungener „Kompromiss“ der künstlerischen Repräsentanten von elf Staaten, die sich damit allesamt klar zur Moderne als geeignete Sprache für die quasi-demokratisch verfasste Weltorganisation bekannten. Dies entspricht jedoch durchaus den Mehrheitsverhältnissen in der projektsteuernden Staatengruppe, der vorwiegend Demokratien angehörten: Neben den USA waren darin auch Belgien, Kanada, Frankreich, Schweden, Brasilien, das Vereinigte Königreich, Australien und Uruguay vertreten, aber auch die Sowjetunion und das 1947 noch vom gewählten Kuomintang regierte China. Historische Spekulationen sind grundsätzlich untersagt, aber man kann sich leicht ausmalen, wie das UNO-Gebäude ausgesehen hätte, wenn etwa die Sowjetunion alleine über seine Planung entschieden hätte. Mit dem damals dort dominierenden „Zuckerbäckerstil“ Josef Stalins war schon beim internationalen Architekturwettbewerb für den (nie errichteten) „Palast der Sowjets“ 1930 gegen die Moderne und für einen neoklassizistischen Monumentalstil entschieden worden.

Die Vorgehensweise beim Bau des New Yorker Hauptsitzes der UNO hat jedoch ihrerseits eine lange Vorgeschichte, die zeigt, dass nichts daran zufällig war. Man führte darin nämlich eine Planungsmethode weiter, die 1926 erstmals beim internationalen Architekturwettbewerb für den Bau des „Völkerbundpalasts“ (Palais des nations) mehr oder weniger erfolgreich erprobt worden war. Die 1920 gegründete und 1946 aufgelöste Vorgängerorganisation der UNO wählte Genf im frankophonen Teil der neutralen Schweiz als seinen Sitz. Für das Procedere der Planung und Errichtung des Saals der Generalversammlung und der Bürogebäude (ursprünglich war nur ersterer geplant) gab es keinerlei Vorbilder, da es sich ja um die erste Weltorganisation handelte, die von den Regierungen dutzender Staaten gegründet und von deren politischen Repräsentanten verwaltet wurde. In den meisten Gremien des Völkerbundes herrschte das Einstimmigkeitsprinzip. So musste man in allen Schritten des Planungsverfahrens und der Realisierung konsensual vorgehen.

Das "Palais des nations" (Völkerbundpalast) in Genf, erbaut 1930-36 (c) Wiki Commons

Das "Palais des nations" (Völkerbundpalast) in Genf, erbaut 1930-36 (c) Wiki Commons

Da jedoch in den frühen Jahren der ersten Weltorganisation vor allem die europäischen Siegermächte des Ersten Weltkriegs den Ton angaben (Deutschland wurde erst 1926 Mitglied, die USA traten nie bei), wurden Verfahren und kulturelle Haltungen implementiert, die eben den politischen Kulturen vor allem Frankreichs, Italiens und Englands entsprachen. Das 1930–36 gebaute Resultat – eine monumentale Anlage nach Planung des internationalen Architektenteams Henri-Paul Nénot, Julien Flegenheimer, Carlo Broggi, Giuseppe Vago und Camille Lefèvre – ist eine Mischung aus Neoklassizismus, Beaux-Arts-Architektur und Art Déco. Der konservative Stil illustriert die (noch) schwache Stellung der Moderne in der europäischen Kultur und Politik der 1920er-Jahre. Die Bewegung stand in ihrem dritten Jahrzehnt, konnte sich aber im allgemeinen Baubetrieb Europas bei weitem noch nicht als bestimmende Kraft durchsetzen. -- Wie verlief der Planungsprozess im Einzelnen? Das Exekutivkomitee des Völkerbundes setzte zunächst zwei Gremien ein (ein Baukomitee und eine Fachjury), deren Ratschlägen und Beschlüssen es in der Regel folgte. Die Fachjury wurde jedoch wegen fehlender Vorarbeiten und Erfahrungen des Bauherrn immer mächtiger.

Nicht nur die Planung und Jurierung des Internationalen Wettbewerbs für die Genfer Gebäude oblag der Jury, sondern vorher bereits die Empfehlung über den Bauplatz am Genfer See sowie die Formulierung des Programms, das – neben der Zusammensetzung der kulturellen Haltung der Jury – ebenfalls bereits wichtige Ergebnisse des Verfahrens vorwegnahm. Es war ein Gremium aus neun Architekten, die von neun Ländern nominiert worden waren: Großbritannien entsandte den 68-jährigen Sir James Burnet, Belgien als Juryvorsitzenden den 64-jährigen Art-Nouveau-Pionier Victor Horta, Frankreich den konservativen 55-jährigen Beaux-Arts-Architekten Charles Lemaresquier, die Schweiz den 65-jährigen ETH-Professor Karl Moser und Italien den 64-jährigen Ingenieur Attilio Mùggia. Die österreichische Bundesregierung mit den christlich-sozialen Politikern Rudolf Ramek (Bundeskanzler) und Heinrich Mataja (mit der Führung der ausländischen Angelegenheiten betraut) nominierte mit dem 55-jährigen Josef Hoffmann das zweitjüngste Mitglied unter den ursprünglichen sechs, im Schnitt rund 62 Jahre alten Juroren. Kurz danach wurden auf massiven diplomatischen Druck auch noch Jurymitglieder aus den Niederlanden, Spanien und Schweden nachnominiert, nämlich der 69-jährige Hendrik Petrus Berlage, der 48-jährige Antonio Flórez Urdapilleta, der später von Carlos Gato Soldevila ersetzt wurde, und der 47-jährige Ivar Tengbom.

Richard Neutra, Vorentwürfe für das Wettbewerbsprojekt Völkerbundpalast, 1926 (c) UCLA

Richard Neutra, Vorentwürfe für das Wettbewerbsprojekt Völkerbundpalast, 1926 (c) UCLA

Damit waren in der Jury sowohl traditionalistische Positionen vertreten (vor allem jene Frankreichs) als auch moderne (jene der Schweiz und Österreichs). Zur Jurierung wurden nach der Vorprüfung schließlich nicht weniger als 377 Projekte zugelassen – aus Österreich beteiligten sich u.a. Clemens Holzmeister mit Ernst Egli, Oskar Strnad mit Felix Augenfeld, Josef Frank mit Oskar Wlach und Lois Welzenbacher sowie die Austro-Amerikaner Richard Neutra und Rudolph M. Schindler.

Auch das Ergebnis ist ein Spiegel des Zwangs zum Kompromiss: Die Jury konnte sich auf keinen alleinigen ersten Rang einigen, sondern verständigte sich darauf, jeweils neun erste Preise, neun erste Erwähnungen und neun zweite Erwähnungen zu prämieren, damit jedes der neun Jurymitglieder sich im Resultat wiederfand und für jeden der drei Ränge je einen Planer nominieren konnte. Somit gab es final 27 Prämierungen. Im ersten Rang landeten Broggi/Vaccaro/Franzi aus Rom, Putlitz/Klophaus/Schoch aus Hamburg (Stimme Hoffmanns), Nils-Einar Erikson aus Stockholm, Camille Lefèvre aus Paris, Emil Fahrenkamp und Albert Deneke aus Düsseldorf, Le Corbusier und Pierre Jeanneret aus Paris (Stimme Mosers), Giuseppe Vago aus Rom, Georges Labro aus Paris sowie Nénot/Flegenheimer aus Paris/Genf. Die oben genannten fünf Planer des tatsächlich ausgeführten Palais des nations wurden dann von einem weiteren Komitee des Völkerbundes aus dieser Gruppe zusammengestellt. Drei der nicht beauftragten Preisträger akzeptierten das Ergebnis, einer jedoch nicht: Le Corbusier. Er startete eine jahrelange publizistische Kampagne gegen die Auftragsvergabe und bezichtigte die Ausführenden unter anderem auch des Plagiats aus seinem zweiten, quasi „außer Konkurrenz“ nach dem Wettbewerb vorgelegten Projekt. Im Buch „Une maison – un palais“ veröffentlichte Le Corbusier 1928 ein pralles Bündel seiner Argumentationen und Entwürfe. In später erschienenen wissenschaftlichen Untersuchungen von Martin Steinmann, Werner Oechslin und Katrin Schwarz (siehe Literaturangaben unten) wurden diese Verfahren und Nachwirkungen des wegweisenden ersten internationalen Architekturwettbewerbs für eine Internationale Staatenorganisation ausführlich dokumentiert.

Man musste in allen Schritten des Planungsverfahrens und der Realisierung konsensual vorgehen, da in den meisten Gremien des Völkerbundes das Einstimmigkeitsprinzip herrschte.

 

Le Corbusier: Une maison - un palais (c) Editions G. Cres & Cie, Paris, 1928

Le Corbusier: Une maison - un palais (c) Editions G. Cres & Cie, Paris, 1928

Wie aus der Involvierung Le Corbusiers beim Bau des UNO-Hauptquartiers in New York sowie aus der großen Ähnlichkeit der Planungsverfahren beider Projekte ersichtlich ist, hatte man das Genfer Procedere zwanzig Jahre später lediglich adaptiert und weiterentwickelt. Doch welche Alternativen gab es? Den Bau mussten um 1930 alle Völkerbundmitglieder und ab 1947 alle UNO-Mitglieder gemeinsam finanzieren, weshalb sich auch alle Mitglieder damit identifizieren können mussten – zumindest jene, die in den entsprechenden Entscheidungskomitees saßen. Beide Bauten erfüllten jedoch trotz aller Defizite ihren Zweck in weit höherem Ausmaß als nur in Form eines kleinsten gemeinsamen Nenners. Wir lernen daraus: Demokratische Entscheidungsverfahren müssen nicht zwangsläufig auch zu unbefriedigenden Lösungen führen.

Hier ein kleines Album der Beiträge zum Internationalen Architekturwettbewerb um das Palais des nations, Genf 1926:

Literatur:

Martin Steinmann: Der Völkerbundspalast: eine ‚chronique scandaleuse‘, in: werk archithese (65) 23–24/1978, 28–31

Werner Oechslin (Hg.): Le Corbusier & Pierre Jeanneret. Das Wettbewerbsprojekt für den Völkerbundpalast in Genf 1927, Zürich 1988

Katrin Schwarz: Bauen für die Weltgemeinschaft. Die CIAM und das UNESCO-Gebäude in Paris, Berlin 2016

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