Nachbericht | Baukulturwerkstatt „Stadt und Fahrradmobilität“

Bild: Bundesstiftung Baukultur

Fotograf:  Bernd Seeland, Karlsruhe

Angesichts immer dichter werdender Innenstädte bietet der Radverkehr viele Vorteile – diese sind hinlänglich bekannt: Fahrradfahren ist geräuscharm, verursacht keine Emissionen und ist platzsparender als der motorisierte Individualverkehr. Gleichzeitig ergeben sich aus dem Umbau der Verkehrsinfrastruktur neue Chancen für die Baukultur: durch die Neu- und Umgestaltung von Straßen und öffentlichen Plätzen, durch Bauten wie Fahrradparkhäuser oder -stellflächen. Wie eine Stadtentwicklung aussehen kann, die künftig noch mehr Menschen auf das Fahrrad lockt, darüber diskutierten rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Baukulturwerkstatt „Stadt und Fahrradmobilität“ am 3. und 4. Mai in Karlsruhe.

„Mobilität tangiert viele Themen der Baukultur: Fragen des Flächenverbrauchs, der menschengerechten Stadt, aber vor allem auch der qualitätvollen Gestaltung von öffentlichen Räumen. Im Mobilitätswandel mit zunehmendem Radverkehr liegen daher große Chancen für die Baukultur im Sinne einer Aufwertung unserer gebauten Lebensräume“, sagte Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur.

Einen globalen Blick auf fahrradfreundliche Städte wirft die aktuelle Ausstellung „Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt“ am Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt, Kooperationspartner im Rahmen der Baukulturwerkstatt. „Die Ausstellung wirbt mit Projekten aus aller Welt für eine sanfte Rückeroberung der Stadt, darunter Kopenhagen, New York, Groningen und Karlsruhe. Die gezeigten urbanen Zentren streben alle danach, neben der Etablierung einer fahrradgerechten Lebensumwelt, sozialer, grüner und lebenswerter zu werden, um damit für zukünftige Entwicklungen gerüstet zu sein“, sagte Peter Cachola Schmal, Leitender Direktor des DAM.

Was Karlsruhe zu einer der fahrradfreundlichsten Kommunen Deutschlands macht, erläuterte Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner, Leiterin des dortigen Stadtplanungsamtes, in ihrem Vortrag. Sie stellte das 20-Punkte-Programm der Stadt zur Förderung des Radverkehrs vor. Es baue darauf auf, dass der öffentliche Verkehrsraum grundsätzlich allen Verkehrsteilnehmern gleichberechtigt zur Verfügung stehe. Generell arbeite man bei der Verkehrsentwicklung nach dem Motto: „vermeiden, verlagern, verträglich gestalten“. Dazu sei ein Zusammenwirken der unterschiedlichen Mobilitätssysteme nötig, so Karmann-Woessner. Sie erwähnte für Karlsruhe das Train-Tram-System, das umsteigefreie Direktverbindungen zwischen innerstädtischen Straßenbahn-Systemen und regionalen Eisenbahnstrecken ermöglicht. Des Weiteren biete der Karlsruher Verkehrsverbund etwa die kostenfreie Mitnahme von Fahrrädern an, so Karmann-Woessner.

Markus Neppl, Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betonte, wie wichtig es sei, die Förderung des Radverkehrs in eine integrierte Stadtentwicklungsstrategie einzubetten – in Karlsruhe passiere dies unter dem Stichwort „Urbane Nähe – neue Wege der Erreichbarkeit“. Bemerkenswert sei neben dem umfangreichen Infrastrukturpaket, wie die Stadtöffentlichkeit mit einbezogen werde, um ein verändertes Mobilitätsverhalten zu erzielen – etwa durch die regelmäßige Verlosung von Fahrrädern im Rahmen einer Erstwohnsitzkampagne.                                                                           

In den drei Werkstatträumen „Mobilitätskonzepte“, „Mensch und Fahrrad“ sowie „Fahrradstadt machen“ wurden konkrete Projekte zum Thema vorgestellt. Die Referentinnen und Referenten diskutierten mit den Teilnehmenden über das Mobilitätskonzept für die Konversionsfläche Lincoln-Siedlung in Darmstadt (StetePlanung Darmstadt), die Fahrradparkhäuser der Stadt Erfurt (Osterwold°Schmidt Expander Architekten) und der Stadt Mainz (SCHOYERER ARCHITEKTEN_SYRA) sowie über den Radschnellweg Ruhr RS1 (Regionalverbund Ruhr) und stellten generelle Überlegungen zu Strategien auf dem Weg zur Fahrradstadt an (ARGUS Stadt und Verkehr).

Als Fazit der Baukulturwerkstatt lassen sich laut Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur folgende Punkte festhalten:

1.     Fahrradmobilität bietet einen guten „Anfasser“ für den menschenorientierten und zukunftsgerechten Umbau der Städte in verdichteten, aber auch in ländlichen Lagen.

2.     Fahrradfreundliche Verkehrsgestaltung muss nicht viel kosten. Bereits mit einem Eimer Farbe oder einigen Pflanzentöpfen können Maßnahmen zur Erleichterung des Fahrradverkehrs in Städten erprobt werden - auch temporär und reversibel. Eine bislang ausstehende, bundesweite Fahrradstellplatzverordnung könnte als politisches Instrument Wirkung entfalten.

3.     Stadtentwicklung und Mobilitätsstrategien müssen gemeinsam gedacht werden. Es sollte darum gehen, integrierte Gesamtkonzepte zu erarbeiten, die die Belange aller Verkehrsteilnehmer gleichermaßen berücksichtigen, aber Rückbaumaßnahmen der autogerechten Stadt vorbereiten und die Bevölkerung auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Stadt mitnehmen.

4.     In Zukunft gilt es, Mobilität und bauliche Gestaltung – sei es auf Stadt- oder Architekturebene – viel mehr und radikaler miteinander zu verschränken. Dazu bedarf es auch eines intensiveren Dialogs der Disziplinen, damit die besten Lösungen entstehen können. Bereits in der Anfangsphase von Stadtentwicklungs- und Mobilitätsprojekten sind Experten aus allen beteiligten Disziplinen einzubinden. Deutschland muss beim Thema Mobilität vom Reagieren ins Agieren kommen, sonst wird es abgehängt.

5.     Mobilitäts-Leuchtturmprojekte sind gute Pilotprojekte und besser, als kein Risiko einzugehen. Durch das Teilen guter Beispiele und die Kommunikation über Strategien können funktionierende Modelle auf Übertragbarkeit hin überprüft, angepasst und verbreitet werden.

6.     Wenn somit die Fahrradmobilität in all ihren Facetten von der Stadt- über die Verkehrsplanung bis in die Architektur gedacht wird, kann sie auch als Katalysator für Baukultur werden!

 

Die nächste Baukulturwerkstatt "Neue Orte" führt am 3. und 4. Juli 2018 nach Kiel.

 

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