Ideenwettbewerb Tempelhofer Feld Berlin, Deutschland

Nichtbebauung als demokratischer Akt

Im November 2024 lobte die Berliner Regierungskoalition aus CDU und SPD einen Wettbewerb aus, der vielen Berliner:innen den Atem stocken ließ. Es handelte sich um einen zweiphasigen stadt- und landschaftsplanerischen Ideenwettbewerb, um die „behutsame Randbebauung auf dem Tempelhofer Feld zu prüfen“. Hier ein Überblick der international prämierten Vorschläge von Wien bis Rotterdam.

Um die politische Brisanz dieses Wettbewerbs zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des innerstädtischen, ca. 300 Hektar großen Tempelhofer Felds. Ursprünglich als Flugplatz in der NS-Zeit genutzt, wurde das Feld während der sowjetischen Besetzung 1948/49 zum Symbol der Freiheit als „Luftbrücke“ zwischen Westberlin und den westlichen Alliierten. Nach dem Krieg diente es als ziviler Flughafen, bis der Flugbetrieb 2008 eingestellt und das Areal anschließend als Freizeit- und Sportfeld genutzt wurde. Auf diese Weise entstand eine der bedeutendsten innerstädtischen Freiflächen in Berlin. Bauliche Relikte des ehemaligen Flughafens, wie die zwei Landebahnen und die bogenförmige Flughalle, bestehen weiterhin und verleihen dem Tempelhofer Feld seinen besonderen Charakter. Um den Erhalt dieser Freifläche zu schützen, trat 2014 per Volksentscheid das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThF-Gesetz) in Kraft, das bauliche Veränderungen verbietet.

Auslöser für die Auslobung des offenen, internationalen Wettbewerbs war der angespannte Wohnungsmarkt in Berlin. Der Senat wünscht eine klimagerechte Weiterentwicklung des Feldes, die den aktuellen städtebaulichen und sozialen Anforderungen gerecht wird. Dabei soll der Großteil des Feldes weiterhin als Freifläche erhalten bleiben, doch müsste selbst für eine geringe Bebauung das ThF-Gesetz teilweise außer Kraft gesetzt werden. Viele Bürger:innen und Initiativen stellen sich gegen diesen Schritt. Im Juni 2025 hat sich die Jury aus unter anderen Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeld und Kopenhagens Stadtarchitektin Camilla van Deurs für eine Gruppe aus sechs Preisträger:innen entschieden. Lediglich zwei Entwürfe sehen eine Randbebauung vor, während sich vier Arbeiten bewusst gegen eine Bebauung entscheiden und stattdessen eine Aufwertung des Feldes vorschlagen. Dies spricht deutlich dafür, dass der Erhalt dieser einzigartigen innerstädtischen Freifläche nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch aus landschafts- und städtebaulicher Sicht erstrebenswerter ist als ihre Bebauung. Es bleibt fraglich, ob dies das Ergebnis war, das sich der Berliner Senat gewünscht hat.

Partizipation als Entwurfsmethodik

Das in Wien und Berlin ansässige Some Place Studio entscheidet sich in seinem Wettbewerbsbeitrag „Bestand stärken, Vielfalt fördern“ gegen eine Bebauung und plädiert stattdessen für die Stärkung der Qualitäten des Felds. Dabei war eine Teilnahme an dem Wettbewerb ursprünglich nicht beabsichtigt; vielmehr kritisierte das Studio grundlegend die Auslobung. Erst durch den Zusammenschluss und Austausch mit gleichgesinnten Architekt:innen und Bürger: inneninitiativen entstand die Idee teilzunehmen, um dies als Möglichkeit zu nutzen, das Potenzial des Feldes zu zeigen, wenn es unbebaut bleibt. In ihrem Entwurf konzentrieren sich Some Place Studio, FWD Landscape Architecture und die Nachhaltigkeitsplanerin Shalini Vimal auf drei Bereiche, immer unter der Prämisse, den Charakter des Feldes zu bewahren: die Umnutzung des Bestands, bessere Erschließungssysteme und die Schaffung einer größeren Biodiversität. Die partizipative Zusammenarbeit mit den Initiativen und Bürger:innen wurde dabei zur Entwurfsmethodik. Der wohl größte „bauliche“ Eingriff ist die Entsiegelung einer Fläche von mehr als 29.000 Quadratmetern, um die Bodenqualität wiederherzustellen und Klimafunktionen zu reaktivieren. Den Bestandsgebäuden auf dem Feld werden öffentliche Nutzungen zugewiesen, wie der ehemaligen Müllverbrennungsanlage, die denkmalgerecht zu Gewächshaus und Samenbank mit integrierten Bildungs- und Arbeitsräumen umgebaut wird. Um eine bessere Zugänglichkeit zum Feld zu bieten, werden zwei neue Fuß- und Radwegbrücken im Süden sowie neue Eingänge im Norden geschaffen. Ergänzt werden diese durch sogenannte „Feldflitzer“, autonom gesteuerte Mini-Fahrzeuge. All diese unterschiedlichen Strategien verbinden sich zu einem gesamtheitlichen Konzept, das das Tempelhofer Feld aufwertet – partizipativ, sozial, räumlich und ökologisch. . .

 

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