"Platform Austria - We Like"

Österreichs Beitrag zur Architekturbiennale 2020

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Pavillon frontal © mostlikely sudden workshop

Peter Mörtenböck, Helge Mooshammer und das Wiener Büro mostlikely werden den Österreich-Pavillon der Architekturbiennale 2020 mit einem spannenden Konzept über den digitalen „Plattform-Urbanismus“ gestalten. Erstmals wurden Österreichs Biennale-Kommissäre nicht direkt vom zuständigen Kunstminister ernannt, sondern in einem Konzeptwettbewerb ermittelt.


 

Kunstminister Gernot Blümel hat mit Österreichs Beteiligung an der 17. Internationalen Architekturbiennale in Venedig 2020 die Bestellung der zukünftigen nationalen Kommissäre bzw. Kuratoren oder Kuratorenteams grundlegend reformiert. War es seit Anbeginn der Kunstbiennale 1895 üblich, dass der/die zuständige Minister/in den/die jeweiligen Kommisssär/in Österreichs für die Beteiligung direkt ernennt, so wurde die Konzeption des nationalen Beitrags im Herbst 2018 erstmals als Wettbewerb ausgeschrieben. Die Einreichungen zur kommenden Architekturbiennale wurden von einem Fachleutegremium begutachtet. Fast 40 inhaltsreiche, schöne und innovative Konzepte von vielen der renommiertesten Architektinnen und Architekten Österreichs, Theoretikerinnen und Vermittlern, gemischten Teams aus Forschern, Autoren und Baukünstlern in verschiedensten Konstellationen von Einzelpersonen bis zu multidisziplinären Teams bewiesen eindrucksvoll, dass dieser Professionalisierungsprozess des Biennaleauftritts längst überfällig war – und dass es genügend Engagement und kreatives Potential im Lande gibt, ein international erfolgreiches Thema zu lancieren, das auch gestalterisch überzeugend präsentiert wird.

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Innenraum © mostlikely sudden workshop

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Innenraum © mostlikely sudden workshop

Viele andere europäische Länder haben schon vor Jahren die Ernennung ihres nationalen Kurators durch ein derartiges Bewerbungsverfahren ersetzt. So wurde nun ein Stück demokratischer Normalität im Kunstbetrieb hergestellt. Die Kunst- und Architekturszene erhielt eine wichtige Emanzipations-Perspektive: Die Communities sind nun über die Fachjurien für die jeweiligen Wettbewerbe direkt in den Entscheidungsprozess mit eingebunden – und damit auch in die Verantwortung für Österreichs Auftritt genommen.

Die erste Biennale-Beteiligung nach diesem neuem Modell sah ein Begutachtergremium aus vier Fachleuten vor, das aus den eingegangen Bewerbungen eine Longlist für ein Hearing destillierte: Darin stellten sich die BewerberInnen persönlich vor, präsentierten ihr Projekt und beantworteten detaillierte und kritische Rückfragen der JurorInnen. Die Jury reduzierte die Hearing-Longlist dann auf eine Shortlist der drei favorisierten Konzepte. Minister Gernot Blümel entschied schließlich gemeinsam mit den vier Fachleuten (für 2020 waren das Verena Konrad vom Vorarlberger Architekturinstitut sowie Kommissärin des Österreich-Beitrags 2018, Architekt Ernst J. Fuchs von the next ENTERprise, Andreas Ruby von Architekturmuseum Basel und Matthias Boeckl von architektur.aktuell), die beiden international renommierten Architekturforscher Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer mit der Ausrichtung des österreichischen Beitrags unter dem Titel „Platform Austria“ zu beauftragen. Die Installation wird vom Wiener Büro mostlikely (Wolfgang List, Maik Perfahl und Mark Neuner) gestaltet. Das Biennale-Komplettbudget des Bundes beträgt nach wie vor € 450.000, Partnerschaften für darüber hinausgehende Drittmittel werden aber natürlich angestrebt.

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Axo © mostlikely sudden workshop

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Axo © mostlikely sudden workshop

Das Thema des „Plattform-Urbanismus“ bezeichnet eines der brisantesten Diskussionsfelder der Architektur. Im Kern geht es um die digitale Kultur und Ökonomie, die mittlerweile sämtliche Lebensbereiche durchdringt. Über „Big-Data“-Bewirtschaftungsformen reicht das in die unmittelbare Umweltgestaltung, die bisher Architekten vorbehalten war: Wurde bisher gebaut, was verantwortungsvolle Planer und Bauherren für nötig und sozial sinnvoll hielten, so drohen es bald nur mehr jene Strukturen zu sein, die von Digitalkonzernen lohnend „bewirtschaftet“ werden können, sprich: deren Bewohner und Nutzer dem „Hausherrn“ mit ihren Daten und Gewohnheiten so gut „bekannt“ sind, dass er dieses Wissen zu barem Geld machen kann. Online-Plattformen, in denen man sich scheinbar harmlos über Lebens- und Konsumgewohnheiten unterhält oder Immobilien sucht, generieren damit beispielsweise Bedarfsprofile einer kaufkräftigen Gesellschaftsschicht, an denen dann Bauinvestoren-Entscheidungen ausgerichtet werden, die wiederum entsprechende Widmungswünsche an die öffentliche Verwaltung richten können. Die bekanntesten rezenten Beispiele eines derartigen „privaten Städtebaus“ waren die Debatten um den (vorerst abgesagten) Google-Campus in Berlin-Kreuzberg und das von Bürgerinitiativen verhinderte Projekt eines Amazon-Headquarters im New Yorker Stadtteil Queens 2018.

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Innenhof © mostlikely sudden workshop

Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Innenhof © mostlikely sudden workshop

Es geht aber auch umgekehrt: Wenn Immobilienkonzerne sich zunehmend Zugriff auf digitale Plattformen (etwa für alle möglichen Sharing-Zwecke) und Medien verschaffen, dann befähigt sie das langfristig, „maßgeschneiderte“ gebaute Strukturen für bestimmte Konsumentengruppen anzubieten. Die urbanistische Umsetzung solcher "Userprofile" trägt aber dann vielleicht nicht mehr allzu viel zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen bei. Diese „Privatisierung des Städtebaus“ in allen unscheinbaren Vorläuferphänomenen (Stichwort Social Media bis hin zu E-Bike und E-Scooter-Plattformen) zu durchschauen und öffentliche Interessen in der Stadtentwicklung durchzusetzen, ist zweifellos eine der ganz großen Herausforderungen der Baupolitik kommender Jahrzehnte.

Österreichs Beitrag „Platform Austria“, der im Josef Hoffmann-Pavillon mit dem von Social Media bestens bekannten „We Like“-Motto schon aus der Entfernung auf das Thema aufmerksam macht, wird mit Exponaten, die privaten Städtebau thematisieren, aber vor allem mit Diskursen vor Ort, mit Bloggern-in-Residence, mit zahlreichen weiteren Aktivitäten online sowie real (im beliebten rückseitigen Garten wird es ein Café geben) darüber referieren, debattieren und kritisch reflektieren. Die international anerkannte Expertise der beiden hervorragend vernetzten Forscher Mörtenböck und Mooshammer, die diese Phänomene seit Jahrzehnten dokumentieren, könnte dem Österreich-Pavillon eine große Aufmerksamkeit verschaffen.

 

Artikelbild oben: Platform Austria, Architekturbiennale 2020, Fassade © mostlikely sudden workshop

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