Modern Classics 03

Otto Prutschers Villa Rothberger in Baden: Role-Model der Wiener Moderne

Otto Prutscher, Villa Rothberger, Entwurf

Das MAK in Wien erinnert in einer sehenswerten Ausstellung an den Architekten und Designer Otto Prutscher (1880-1949). Außerdem dokumentieren zwei neue, umfassende Publikationen das Oeuvre des Planers der Villa Moriz Rothberger in Baden bei Wien (1912).


 

Die Villa Rothberger in Baden ist perfekt geeignet, als Netzwerkknoten und Ausgangspunkt einer komplex verästelten Erkundung der Wiener Moderne zu dienen. Das beginnt schon beim Standort, der Kurstadt Baden im Süden Wiens, die seit der Biedermeierzeit ein bevorzugter Lebensmittelpunkt der gebildeten und wohlhabenden Wiener Bourgeoisie war. Anfangs noch vorwiegend von Hofstaat und Adel bevölkert, entwickelte Baden sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert zunehmend zum Land- und Dauerwohnsitz der sogenannten „Zweiten Gesellschaft“ – also den durch Handel, Industrie und Finanzwesen aufgestiegenen und zu Wohlstand gelangten jüdischen Unternehmerfamilien. Zuerst diente ein Wochenend- und Sommerhaus in Baden als repräsentatives „must-have“ einer angesehenen Wiener Familie, dann avancierte es mit der frühen Moderne zum Schauplatz der Lebensreformbewegung bürgerlicher Prägung, die nun das gesunde suburbane Leben mit Garten in Naturnähe zum Projekt- und Lebensziel machte. Prutschers Villa Rothberger – eigentlich der Umbau einer Gründerzeitvilla – setzt die Lebensreform-Idee des einheitlich vom Bau bis zu Möbel und Gebrauchsgegenständen durchgestalteten modernen bürgerlichen Lebensraums, die von Josef Hoffmann erstmals in Wien in der Villenkolonie Hohe Warte (1899-1910) umfassend realisiert worden war, auf sehr konsequente Weise fort. Die kurz danach komplett neu errichtete benachbarte Villa Bienenfeld zeigt, dass Prutscher auch in der freien Grundrissgestaltung eines klassisch-modernen kleinen Wohnhauses seine Lektion bei Hoffmann sehr gründlich gelernt hat.

Otto Prutscher, Villa Moriz Rothberger, Baden, 1912 © AOPC

Otto Prutscher, Villa Moriz Rothberger, Baden, 1912 © AOPC

Alle Prutscher-Werke atmen den gleichen 'Spirit' einer alles durchdringenden ästhetischen Idee, die auf der Überzeugung fußt, dass Schönheit ein universelles Heilmittel für viele Defizite unserer Lebenswelt sei.

 

Ein zweiter Aspekt ist die Stellung des Bauherrn Moriz Rothberger (1865-1944), der gemeinsam mit seinen Brüdern Heinrich und Alfred das von seinem Vater Jacob gegründete berühmte Warenhaus Rothberger leitete. Dieses stand direkt gegenüber dem Riesentor des Wiener Stephansdoms, am Stephansplatz 10. Das Warenhaus wurde von den berühmten Theaterarchitekten Helmer & Fellner geplant, bald danach wurde auch das benachbarte Haus Stephansplatz 12 in den Komplex einbezogen und mit angeglichener Fassade integriert. Es war eines der bekanntesten und größten Konfektionshäuser Wiens, geriet aber bald nach der „Arisierung“ 1938 in Schwierigkeiten. Die beiden Häuser brannten im Zuge der Kriegshandlungen 1945 aus, wurden nach der Restitution von der Familie verkauft und von Versicherungen in Form einer gesichtslosen Nachkriegsarchitektur wiederaufgebaut. Um die Jahrtausendwende wurden die Fassaden schließlich von Hans Hollein neu gestaltet, der nebenan das dritte Haas-Haus errichtet hatte. – Mit dem Auftrag an Prutscher, einem der begabtesten jungen Vertreter der Wiener Moderne direkt aus dem Umfeld von Josef Hoffmann, hatte Moriz Rothberger wesentlich zur weiteren Verbreitung der Kunst- und Architekturreformbewegung um 1900 beigetragen, die vor allem von der „Zweiten Gesellschaft“ – genauer gesagt von ihrer Lebensreform-begeisterten Erben-Generation  – getragen war.

Helmer und Fellner, Warenhäuser Rothberger in Wien vor 1945 (c) WikiCommons

Helmer und Fellner, Warenhäuser Rothberger in Wien vor 1945 (c) WikiCommons

Die Villa ist ein zentraler und sehr typischer Puzzlestein im architektonischen Oeuvre von Otto Prutscher. Anders als jene seines älteren Bruders Hans Prutscher (1873-1959), der das Tischler- und Maurerhandwerk lernte, als erfolgreicher Architekt Autodidakt war und viele große Wohn- und Geschäftshäuser in Wien baute, kreisten Otto Prutschers Bauaktivitäten vor allem um die klassischen Wiener Moderne-Bauaufgaben wie Villen, Ausstellungsgestaltungen und Cafés. In diesem Milieu wurde der Sohn eines Kunsttischlers durch sein Studium 1897-1901 an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Franz von Matsch, Josef Hoffmann und Willibald Schulmeister künstlerisch sozialisiert. Von 1909 bis zu seiner Entlassung 1938 (von seiner jüdischen Ehefrau wollte er sich nicht scheiden lassen) leitete er an der Kunstgewerbeschule den einflussreichen „offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende“.

Seine wichtigsten Werke als Architekt sind neben der Villa Rothberger in Baden das Café Atlashof in Wien (1911), die Apotheke zum Goldenen Adler in Wien (1911), die Villa Flemmich in Jägerndorf-Krnov/CZ (1912-14), das Landhaus Bienenfeld in Baden (1913), die Innenräume des Dianabades in Wien (1913-14), das Landhaus Marie Knopf in Wien (1919), die Wiener Gemeindebauten Heinehof (1925), Lorenshof (1927), Hermann-Fischer-Hof (1928) und Eiflerhof (1929), das Haus Dr. Otto Wertheim in Mariazell (1932), das Haus Philomena Czerny in St. Sebastian/Steiermark (1932), der Feinkostladen Piccini in Wien (1934) sowie Interieurs des Café Imperial (1937). Als Ausstellungsgestalter beeindruckte er mit Designs für die Jubiläumsausstellung in Mannheim (1907), die legendäre Wiener Kunstschau der Klimtgruppe (1908), die Internationale Photographieausstellung Dresden (1909), die Internationale Jagdausstellung in Wien (1910), die Deutsche Werkbundausstellung in Köln (1914) sowie mit diversen Gestaltungen für das Künstlerhaus um 1930. – Einen ersten Überblick über dieses reiche gebaute und für die Wiener Moderne extrem typische Werk, das nach 1938 fast vollständig  in Vergessenheit geraten war und erst spät von den engagierten Nachfahren des Künstlers in Italien wieder bekannt gemacht wurde, vermittelte die Prutscher-Ausstellung der Universität für angewandte Kunst 1997.

Prutscher Katalog Angewandte 1997

Prutscher Katalog Angewandte 1997

Die Ausstellung im Wiener MAK 2019 fokussierte auf Prutscher als Designer. Im Sinne der secessionistischen Ideale, die er von Josef Hoffmann früh und gründlich lernte, wären seine Produktgestaltungen nur auf künstlich-akademische Weise von den architektonischen Arbeiten zu trennen. Denn beide atmen den gleichen „Spirit“ einer alles durchdringenden ästhetischen Idee, die auf der Überzeugung fußt, dass Schönheit ein universelles Heilmittel für viele Defizite unserer Lebenswelt sei. So arbeitete Prutscher selbstverständlich auch in der Wiener Werkstätte mit und erwarb sich einen hervorragenden Ruf etwa als Designer der schönsten und exklusivsten Gläser der Wiener Moderne. Darüber hinaus entwarf Prutscher aber auch für alle anderen klassischen Sparten des modernen Kunstgewerbes, also Textil, Holz, Leder, Silber, Papier und viele andere Techniken. Ein besonderes Highlight der von Rainald Franz kenntnisreich kuratierten MAK-Ausstellung ist der Vitrinenschrank für einen Kunstsammler, den Prutscher für die Kunstschau 1908 gestaltete. Er eignet sich naturgemäß hervorragend für die Präsentation seiner Gläser, die um 1900 zu den technologisch fortschrittlichsten der österreichischen Produktion zählten – aber auch zu den elegantesten und künstlerisch anspruchsvollsten.

Prutscher-Ausstellung im MAK, Wien, Nov 2019, mit Kunstschau-Vitrine 1908 © MAK Georg Mayer

Prutscher-Ausstellung im MAK, Wien, Nov 2019, mit Kunstschau-Vitrine 1908 © MAK Georg Mayer

Zusätzlich zur Ausstellung erschienen zwei wichtige Publikationen. Der Katalog zur MAK-Ausstellung – die übrigens von einer Schenkung Hermi Schedlmayers, der höchst engagierten Sammlerin und jüngst verstorbenen Eigentümerin von Prutschers Villa Rothberger angeregt wurde – dokumentiert die Bestände des MAK und veröffentlicht eingehende Fachanalysen zu Prutscher und der Wiener Moderne (R. Franz), zu seinen Metallarbeiten (E. Schmuttermeier), zur Nachlaßaufbereitung im Rahmen eines EU-Projekts (K. Pokorny-Nagel, A. Müller), zur Sammlerin Hermi Schedlmayer (C. Duit) und zur Familiengeschichte (Enkelin B. Restelli, S. Colombari). Ebenfalls von einer Schenkung von Hermi Schedlmayer motiviert, brachte die Universität für angewandte Kunst Wien in ihrer ambitionierten Schriftenreihe im Birkhäuser Verlag ein opulentes zweibändiges Werk im Folio-Format heraus. Basierend auf einer Datenbank, in der Schedlmayer alle Prutscher-Werke dokumentierte, die sie in jahrzehntelanger Recherche aufspüren konnte, beschreibt sie eingehend alle Handwerkstechniken, für die Prutscher in seltenem Einklang mit den ausführenden Handwerkern entwarf. Auch die architektonischen Arbeiten werden gründlich erfaßt und gemeinsam mit zeitgenössischen Medienberichten dokumentiert, die einen sehr anschaulichen Einblick in die damalige  Wahrnehmung bieten. Claas Duit hat diese profunden Studien Schedlmayers verdienstvoll posthum editiert.

 

MAK-Ausstellung

Zweibändige Prutscher-Monografie der Angewandten

Prutscher Ausstellungskatalog MAK 2019

Prutscher Ausstellungskatalog MAK 2019

Prutscher-Monografie Birkhäuser 2019

Prutscher-Monografie Birkhäuser 2019

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