Private Parzellen

Kleingärten sind in ihrer Funktion als grüne Lungen und als Naherholungsgebiete von unschätzbarem Wert für das Stadtbild Wiens. Fraglich ist jedoch, ob Kleingärten angesichts von Bodenspekulation, Bodenversiegelung und Privatisierung heute diesen sozialen und ökologischen Funktionen noch gerecht werden.
Text: Ludwig Rieger | Fotos: Eric Sviratchev
Kleingarten oder Einfamilienhaus? Die Wiener Kleingärten haben in den vergangenen Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Priorität von Gartenkultur zum Wohnen verlagert. Hölzerne Gartenhäuschen und in Eigenregie errichtete Geräteschuppen weichen zunehmend Fertigteilhäusern. Von hohen Hecken, Zäunen und Sichtschutzwänden umgebene Parzellen wirken wie Bollwerke gegen unerwünschte Blicke und Besucher:innen. Der Rückzug ins Private ist immanent und es ist nicht verwunderlich, dass viele Bürger:innen dieser Entwicklung kritisch gegenüberstehen. Ursprünglich dienten die kleinen Parzellen im Grünen vor allem dazu, die Lebensumstände der Arbeiterklasse zu verbessern, indem sie Zugang zu Naherholungsgebieten und Anbauflächen boten. Die Mehrheit lebte damals in Mietskasernen, und Kleingärten ermöglichten den Eigenanbau von Gemüse und Obst. Wie konnte diese soziale Institution sich in eine Siedlungsform verwandeln, die mehr mit Einfamilienhäusern als mit Naherholung gemein hat? Die Gründe sind vielzählig, jedoch lässt sich sagen, dass eine Reihe von Gesetzesänderungen in den 1990er-Jahren einen erheblichen Einfluss auf den Charakter der Wiener Kleingartensiedlungen hatte. Neben weiteren Erlassen wurde die Möglichkeit geschaffen, Kleingärten als Hauptwohnsitze zu deklarieren und die zulässig verbaute Fläche auf 50 Quadratmeter zu erhöhen. Durch die legislativen Änderungen verschob sich so das Verhältnis zwischen Garten- und Wohnkultur. Mit dem Bedeutungszugewinn des permanenten Wohnens nahmen Versiegelung und Rückzug ins Private zu; zugleich wurden einige staatliche Parzellen verkauft und zu lukrativen Spekulationsobjekten.

Zäune und Sichtschutz bestimmen immer stärker das Bild der Kleingartenanlagen und signalisieren den Rückzug ins Private.
Zwischen Luxusgut und Gemeingut Heftig umstritten ist die Zukunft der Kleingartensiedlungen: Für die einen sind sie ein Luxusgut, das man durch effizientere Mietshäuser ersetzen sollte; für die anderen besitzen sie hohen kulturellen Wert, auch wenn die Wartelisten endlos sind. Der Traum vom Paradies im Grünen aber bleibt einigen wenigen Privilegierten vorbehalten. Wäre es daher nicht sinnvoller, Parzellen gemeinschaftlich zu pachten und einer größeren Gruppe von Bürger:innen zur Verfügung zu stellen? Der interkulturelle Garten in Aalen ist ein gutes Beispiel, wie so ein Zusammenschluss aussehen kann. Das Konzept „Lasst uns Heimat teilen“ betont die sozialen, ökologischen und didaktischen Aspekte der Gartenkultur. Die Initiative für interkulturellen Austausch umfasst 18 Familien, die gemeinsam Parzellen bepflanzen und das Wissen über ihre jeweilige Kultur, Anbaumethoden und die kulinarische Verwertung miteinander und mit Besucher:innen teilen. . .
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