Prix Ars Electronica 2018 | Die GewinnerInnen stehen fest

Ein Teil der Jury bei der Arbeit; (c) Vanessa Graf

Es ist eine Tradition der Ars Electronica: Seit 1987 reisen ExpertInnen aus Kunst, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und mehr aus der ganzen Welt für ein verlängertes Wochenende ins Ars Electronica Center in Linz, um als JurorInnen die besten Werke der Medienkunst auszuwählen. Dieses Jahr arbeitete sich die internationale Jury durch 3040 Einsendungen aus über 80 Ländern in vier Kategorien: Computer Animation, Interactive Art+, Digital Communities und u19 – CREATE YOUR WORLD.

+ + +

Das belgische KünstlerInnenduo LarbitsSisters, die Digital Community Bellingcat, die französische Künstlerin Mathilde Lavenne und die Wiener Schüler Lorenz Gonsa, Martin Hatler, Samuel Stallybrass und Vincent Thierry gewinnen die Goldenen Nicas des Prix Ars Electronica 2018. Die Goldene Nica in der Kategorie Visionary Pioneers of Media Arts geht an die Leonardo-Community. Insgesamt zählte der Prix Ars Electronica dieses Jahr 3.046 Einreichungen aus 85 Ländern. Mit 1.074 Projekten gab es in der Kategorie Interactive+ die meisten Einreichungen. Überreicht werden die Goldenen Nicas traditionell im Rahmen der großen Ars Electronica Gala am 7. September 2018 im Linzer Brucknerhaus. Eine Auswahl der besten Arbeiten des diesjährigen Prix Ars Electronica werden in der CyberArts-Schau im OK OÖ Kulturquartier präsentiert, in den ebenfalls hier stattfindenden Prix-Foren erörtern alle GewinnerInnen ihre künstlerischen Perspektiven und Projekte. 

+ + +

Digital Communities

Goldene Nica

Bellingcat

http://www.bellingcat.com

“Bellingcat brings an in-depth and rigorous analytical process into the picture, contributing to a closer understanding of complex scenarios in an increasingly polarized context.” (Statement of the Jury)

Ob die Machenschaften mexikanischer Drogenbarone, der Abschuss von MH17 oder Kriegsverbrechen wie jene in Syrien – Bellingcat bündelt Open Source- und Social MediaRecherchen von Citizen-Journalists und vernetzt diese untereinander. Neben der Publikation und Verbreitung von Artikeln und Reportagen, bietet Bellingcat Anleitungen und Guides für all jene, die ebenfalls als Citizen-Journalists aktiv werden wollen. Die Nutzung von Open Source und Case-Studies soll damit weiter verbreitet und dabei vor allem jene Organisationen adressiert werden, die sich der Archivierung und Sicherung von Fakten und Beweisen widmen, die für die gerichtliche Aufarbeitung von Kriegen und Kriegsverbrechen sowie organisierter Kriminalität relevant sind. Bellingcat wurde 2014 von Eliot Higgins ins Leben gerufen, der als Autor des Brown Moses Blog mit seinen Aufdeckungen rund um den Syrienkonflikt von sich reden machte. Nachdem er die Aktivitäten einer wachsenden Anzahl von Citizen-Journalists aufmerksam mitverfolgt hatte, beschloss er, eine Plattform rund um Open Source-Investigations zu initiieren, die “EinzelkämpferInnen” mit einander vernetzen sollte. Es war die Geburtsstunde von Bellingcat. Seither bietet der Blog jeder und jedem die Möglichkeit, die eigene Arbeit zu publizieren sowie Case-Studies bzw. Guides einzusehen.

Nur wenige Tage nachdem Beelingcat online gegangen war, ereignete sich in der Ostukraine der Abschuss der Passagiermaschine MH17. Seither veröffentlichte Bellingcat eine ganze Reihe von Artikeln und Reportagen über diesen Angriff und entlarvte diverse Falschmeldungen seitens der russischen Regierung und ihrer Unterstützer als eben solche. Als die internationale Staatengemeinschaft das Joint Investigation Team (JIT) zur Untersuchung des Vorfalles einsetzte, nahm dieses Kontakt zu Eliot Higgins auf und bezog die umfassenden Rechercheergebnisse der Beelingcat-Community in seine Arbeit mit ein. In rund vier Jahren hat sich Bellingcat zu einer weltweit umtriebigen Community von CitizenJournalists entwickelt, die an den Brennpunkten unserer Zeit aktiv ist und (Kriegs-)Verbrechen vor die Weltöffentlichkeit zerrt. Bellingcat wird mit der Goldenen Nica des Prix Ars Electronica 2018 ausgezeichnet.

+ + +

Anti-Racism Movement (ARM)

https://www.armlebanon.org 

(…) is a great example of grassroots countering of racist trends and promoting migrant rights in a very difficult context.” (Statement der Jury)

Als Reaktion auf einen rassistischen Zwischenfall in Beirut wurde 2010 im Libanon das AntiRacism Movement (ARM) als eine Grassroots Bewegung von jungen Feministinnen in Zusammenarbeit mit AktivistInnen und MigrantInnen ins Leben gerufen. Das Interesse an ARM stieg stetig an, gleiches gilt für die Anzahl ihrer Mitglieder. In der Folge wurden mehrere Migrant Community Centers (MCCs) ins Leben gerufen, deren Projekte gemeinsam mit GastarbeiterInnen und dabei vor allem jenen, die in Haushalten beschäftigt sind, umgesetzt wurden. Die MCCs sind freie und sichere Räume, die auf die Bedürfnisse der GastarbeiterInnen zugeschnitten wurden. Plätze zum Austauschen und gemeinsamen Arbeiten, zum Erlernen neuer Kompetenzen und Plätze, die Zugang zu Informationen, Ressourcen und Hilfe eröffnen. Seit ihrer Eröffnung wurden in den MCCs kostenlose Sprachkurse, Computerkurse, Gesundheits- und Rechtsberatungen, Feste und Projekte zum Kulturaustausch durchgeführt.

+ + +

g0v.tw

https://g0v.tw

“g0v.tw wants to create a basis through transparency in order to sustainably strengthen democratic structures and create a basis of trust between citizens and the government.” (Statement der Jury)

Aus Unzufriedenheit mit ihrer bürokratischen Regierung riefen taiwanesische BürgerInnen 2012 g0v ins Leben. g0v ist eine zivilgesellschaftliche Tech-Community, die Technologie im Interesse des Gemeinwohls nutzen will, um Informationsasymmetrien zu beseitigen und gleichzeitig unabhängiges Denken und Zusammenarbeit zu ermöglichen bzw. befördern. Denn g0v dreht sich um das Vertrauen in und den Glauben an die Macht des Volkes. Seitdem hat gOv Menschen aus allen Lebensbereichen zusammengeführt und Ideen hervorgebracht, die poetisch, fortschrittlich, nützlich und radikal sind. Hand in Hand mit der öffentliche Nachfrage nach Offenheit und Transparenz der Regierung, wächst g0v. Projekte wie "Taiwan Environmental Dashboard" machen auf die Luftqualität aufmerksam, "Amis Moe Dict" kämpft für die Wiederbelebung einer der meistgenutzten Sprachen Taiwans und "Open Political Contribution" und "Voting Guide" informieren die Menschen vor dem jeweiligen Urnengang über die zur Wahl stehenden Parteien und PolitikerInnen.

+ + +

INTERACTIVE ART+

Goldene Nica

LarbitsSisters (BE): BitSoil Popup Tax & Hack Campaign

https://bitsoil.tax/campaign 

(…) has been developed as the sum of a process of interdisciplinary scientific research, philosophical reflection, and artistic practices, setting up a device of VPN connections, AI and tax collector bots at the service of a global system of economic and social welfare.” (Statement der Jury)

BitSoil ist das “Schwarze Gold” unserer Zeit, Jeder Klick, jeder Tweet, jeder Post generiert Daten, die verkauft werden. Mehr als 2,5 Trillionen Bytes an Daten entstehen heute täglich, jede/r einzelne von uns steuert 600 bis 700 Megabyte dazu bei. Gegen kostenlose Services tauschen wir diese Daten mit Google, Apple, Amazon, Facebook und Co, die diese Daten zu Geld machen. Sehr viel Geld. Die Digital Economy setzt Milliarden um und sie konzentriert diese Gewinne in den Händen einiger weniger. Eine völlig unbefriedigende Situation, meinen die LarbitsSisters und initiierten die BitSoil Popup Tax & Hack Campaign. Die Internet-Installation – zur Zeit im Brüsseler Gluon zu sehen – bedient sich einer Truppe von Bots, die Twitter-Accounts nach den Schlagwörtern “Affluence”, “Apple”, “Assets”, “Benefit”, “Common”, “Data”, “Data-Economy”, “Cash” und “Cost” durchsuchen. Werden sie fündig, kontaktieren sie den jeweiligen Twitter-User und laden sie/ihn ein, sich der BitSoil Popup Tax & Hack Campaign anzuschließen. Sie/er kann dies auf unterschiedliche Weise tun: sich bloß über das Projekt und seine Ziele informieren lassen, eigene Bots kreieren und losschicken oder wahlweise einem CEO der zehn größten Tech-Unternehmen oder einer/m KanzlerIn bzw. PremierministerIn eine digitale Postkarte aus der BitREBUPLIC schicken. Jede dieser Aktivitäten wiederum generiert neue Daten, neues BitSoil also. Der Gewinn daraus wird fair und transparent unter allen Mitwirkenden aufgeteilt. Mitverfolgt werden kann all dies auf Twitter oder vor Ort im Brüsseler Gluon. Für ihre BitSoil Popup Tax & Hack Campaign erhalten die LArbitsSisters die Goldene Nica des Prix Ars Electronica 2018. 

+ + +

Weitere Auzeichnungen:

Kohei Ogawa (JP), Itsuki Doi (JP), Takashi Ikegami (JP), and Hiroshi Ishiguro (JP): Alter

https://www.youtube.com/watch?v=QN7pJQz1XDs

+

Mary Flanagan (US): [help me know the truth]

http://maryflanagan.com/work/help-me-know-the-truth/

+

Computer Animation

Goldene Nica

Mathilde Lavenne (FR): TROPICS

https://vimeo.com/271655658; www.mathildelavenne.com; https://www.facebook.com/TROPICSMathildeLavenne/

+

Hayoun Kwon (KR): 489 Years

https://www.hayounkwon.com/ 

+

Boris Labbé (FR): La Chute / The Fall

www.borislabbe.com

https://www.youtube.com/watch?v=byfsw8QTgsg

+

u.v.m., nachzulesen unter: www.aec.at

+ + +

Und in weiterer Folge?

Die PreisträgerInnen werden nun benachrichtigt, die sich dieses Jahr über eine Goldene Nica, eine Auszeichnung oder eine Anerkennung freuen dürfen. Im Juni 2018 werden schließlich die Ergebnisse des intensiven Prix-Wochenendes bei einer Pressekonferenz und hier auf dem Ars Electronica Blog präsentiert. Ab 6. September 2018 – zum Start des Ars Electronica Festivals in Linz – sind viele der prämierten Arbeiten in der CyberArts-Ausstellung im OK im OÖ Kulturquartier zu sehen. Zum Festival wird es wie jedes Jahr auch heuer wieder eigene Prix-Foren geben, wo die prämierten KünstlerInnen auf die JurorInnen treffen und über ihre Arbeiten sprechen. Bei der großen Gala am Festival werden dann schließlich auch die Goldenen Nicas 2018 offiziell überreicht.

+ + +

Ars Electronica Center

Ars-Electronica-Straße 1

4040 Linz

 

(Quelle: Presseaussendung Ars Electronica)