RESSOURCE RESEARCH RESET

Die Umnutzung von Sakralbauten ist kein neues Thema, aber ein drängendes. Immer mehr Kirchen verlieren ihre Funktion, weil die Zahlen der Gemeindemitglieder sinken, die Instandhaltung teuer ist und die Gebäude nicht mehr in den Lebensalltag passen. Gerade Nachkriegsbauten geraten dabei unter Druck: zu groß, zu sperrig, zu teuer. Gleichzeitig stehen Kirchen meist an prägender Stelle im Stadtbild. Hier setzt das Projekt „Ressource Research Reset“ am Lehrstuhl für Entwerfen und Gestalten der TU München an. Unter der Leitung von Prof. Uta Graff haben Studierende an Entwürfen gearbeitet, die diese Gebäude weder nostalgisch verklären noch abräumen wollen, sondern ihre architektonischen Potenziale ernst nehmen. Drei Prinzipien strukturieren die Arbeit: „Ressource“ meint das gebaute Erbe, „Research“ steht für die vertiefte Analyse und „Reset“ benennt die Chance für einen Neuanfang.
ST. JOHANNES IN INGOLSTADT: SPIEL MIT MASSE UND LICHT
Im ersten Teil des Studios widmeten sich die Studierenden der Kirche St. Johannes in Ingolstadt, 1964 von Theo Steinhauser errichtet. Der wuchtige Betonbau mit expressivem Kubus als Kirchturm liegt am Rand eines Industriegebiets und fordert durch seine Massivität und Kontextferne neue Narrative heraus. Die Entwürfe greifen diesen Bruch auf: mal durch radikale Transformation, mal durch gezielte Einfügungen. Gemeinsam ist ihnen ein sensibles Verständnis für die Plastizität des Bestands, für seine Lichtführung, die Großzügigkeit und die schwierige Situierung zwischen Transit und Randlage. Das Gebäude wird nicht als museale Hülle behandelt, sondern als Baustoff für neue Programme gelesen. Zwei dieser Projekte stehen exemplarisch für die Bandbreite des Studios.
Katrin Schneyer, Pauline Ludwig – Wasseraufbereitung Im Schatten der Ingolstädter Raffinerien verwandeln Katrin Schneyer und Pauline Ludwig den Sakralbau in eine Wasseraufbereitungsanlage. Statt Orgeln und Altären treten Tanks und Filteranlagen in Erscheinung. Zylinderförmige Behälter durchstoßen die Decke, Oberlichter von unten durchbrechen den Boden. Der Kirchenraum wird von innen heraus transformiert, ohne seine Dimensionen zu verlieren. Über Stege können Besucher:innen die Techniklandschaft durchqueren, im Untergeschoss ist ein Wasserbecken vorgesehen. Das Projekt ist kein romantischer Re-Use, sondern eine klare infrastrukturelle Setzung mit ästhetischer Kraft.

Katrin Schneyer, Pauline Ludwig – Wasseraufbereitung
Marie Krudl, Niklas Dietrich – Waschkirche Die „Waschkirche“ denkt Gemeinschaft über Alltagsfunktionen. Statt spiritueller Einkehr steht hier das Wäschewaschen im Mittelpunkt – als sozialer Akt und Dienstleistung. Der Grundriss folgt dem Ablauf des Waschprozesses: Anlieferung, Sortierung, Waschgang, Trocknung. Im Zentrum liegt eine gemeinschaftlich nutzbare Kantine. So wird der ehemalige Kirchenraum zu einem Ort des Arbeitens, Zusammenkommens und der Fürsorge im Alltag.

Marie Krudl, Niklas Dietrich – Waschkirche
ST. MAURITIUS IN MÜNCHEN: WOHNFORMEN UND RüCKZUG
Im zweiten Teil des Studios drehte sich alles um das Kirchenzentrum St. Mauritius in München-Moosach. Das 1967 von Herbert Groethuysen errichtete Ensemble liegt eingebettet in ein Wohnviertel und steht seit 2024 unter Denkmalschutz. Aufgabe war es, eine neue gemeinschaftliche Wohnnutzung zu entwickeln, ohne die architektonischen Qualitäten zu verlieren. Die Entwürfe zeigen, wie sich massive Strukturen durch Holzergänzungen, neue Wegeführungen und landschaftliche Interventionen transformieren lassen. Dabei werden Formen des Zusammenlebens erprobt, die zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft vermitteln. Auch hier stehen zwei Projekte exemplarisch für diesen Zugang.
Hannah Essigkrug, Simon Schlereth – Offenes Frauenhaus Dieses Projekt transformiert den sakralen Bestand zum Schutzraum: Ein zarter Holzbau fügt sich in die Kirche ein und bietet Platz für 36 Frauen und Kinder. Eine umgebende Mauer schafft Sicherheit, öffnet sich aber gezielt für Besucher:innen. Durch die Öffnung der Seitenschiffdecken entsteht eine Verbindung zum Außenraum, die zwischen Schutz und Offenheit vermittelt. Das Projekt stellt Architektur in den Dienst gesellschaftlicher Notwendigkeit.

Hannah Essigkrug, Simon Schlereth – Offenes Frauenhaus
Simon Stock, Ruben Felberbaum – Kontemplation Simon Stock und Ruben Felberbaum schlagen einen Neubau auf den Fundamenten des ehemaligen Gemeindehauses vor, der sich zum Innenhof orientiert und gemeinschaftliches Wohnen ermöglicht. Der alte Sakralraum bleibt erhalten und dient als kontemplativer Ort für Veranstaltungen, Stille und Austausch. Drehtüren aus Eichenholz zonieren den Raum, ein Wasserbecken und ein großer Wärmestein setzen Akzente. Innere Einkehr, Ruhe und Kollektivität verschränken sich hier auf selbstverständliche Weise.

Simon Stock, Ruben Felberbaum – Kontemplation
Mehr zu unser aktuellen Ausgabe 7-8/2025. Der Text ist ab Seite 18 zu finden.