Interview mit Sabina Riss

Safe Spaces in der Arbeitswelt

Sabina Riss ist Architektin und als Architekturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf sozial nachhaltige Planung tätig. Als Forscherin, Vortragende und Beraterin vermittelt sie Strategien für gender- und diversitätssensible Lebens- und Arbeitswelten. Unter anderem begleitet sie das Neubauprojekt Youth Campus der Arbeiterkammer Wien. Ein Gespräch über Safe Spaces und die Rolle der Architektur in einer vielfältigen Arbeitswelt.

NINA LOREIN: Welche architektonischen Merkmale tragen dazu bei, dass sich Menschen am Arbeitsplatz sicher, willkommen und respektiert fühlen? SABINA RISS: In der Arbeitswelt, wie in vielen Gesellschaften, findet eine Diversifizierung statt, die zu Umstrukturierungen der Arbeitskultur führt. Den Bedarfen unterschiedlicher Menschen muss dabei stärker Rechnung getragen werden: Planungsthemen wie Orientierung, Tageslicht und Akustik betreffen zwar die meisten im Büroalltag, können für bestimmte Personengruppen jedoch von besonderer Relevanz sein. Licht und Akustik sind zum Beispiel zentrale Themen für Wohlbefinden und Produktivität von neurodivergenten Menschen, und auch Shared-Desk-Konzepte, die für manche Mitarbeiter:innen selbstverständlich sind, können für andere zur täglichen Belastung werden. Menschen sind verschieden und damit auch von (räumlichen) Maßnahmen am Arbeitsplatz auf vielfältige Weisen betroffen. Das klassische Großraumbüro war für viele Jahre der Standard. Es ist jedoch nur eine von vielen möglichen Ausformulierungen, wie Büroräume aussehen können. Wichtig ist, ein möglichst flexibles Angebot struktureller und räumlicher Maßnahmen zu setzen, statt einzelne Sonderlösungen zu forcieren.

NL: Gibt es Synergien oder Diskrepanzen zwischen den Bedürfnissen verschiedener Personengruppen an Safe Spaces am Arbeitsplatz? SR: Je weiter und intersektionaler man Inklusionsmaßnahmen am Arbeitsplatz denkt, desto mehr Personengruppen können sich darin wiederfinden. Allein unter den Begriff Barrierefreiheit fallen Mobilitätseinschränkungen, Neurodiversität und Seh- sowie Hörbehinderungen, mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen. Zudem können die Bedarfe innerhalb einer Personengruppe durch Mehrfachdiskriminierungen voneinander abweichen oder sich je nach Lebensabschnitt verändern, etwa während einer Schwangerschaft, der Menopause oder in höherem Alter. Dabei können durchaus Synergien entstehen: Ein Ruheund Rückzugsraum kann etwa zeitweise als Gebetsraum genutzt werden. Auch im Hinblick auf den voranschreitenden Klimawandel finden sich Synergien in Hitzeschutzmaßnahmen, auf die vulnerable Personengruppen besonders angewiesen sind, von denen am Ende aber alle Mitarbeiter:innen profitieren. Die Verhältnismäßigkeit solcher Maßnahmen darf aber nicht aus dem Blick geraten. Je größer ein Unternehmen, desto größer – statistisch gesehen – die Diversität der Mitarbeiter:innen und damit die Verantwortung und die Mittel, ihr gerecht zu werden. Die europäische Architekturbranche besteht überwiegend aus Kleinstbüros mit bis zu vier Mitarbeiter:innen und ist oftmals in Bestandsgebäuden angesiedelt, die kaum räumliche Adaptionen zulassen. 

NL: Mit welchen Herausforderungen sieht sich insbesondere die Architektur- und Planungsbranche zum Thema Safe Spaces am Arbeitsplatz konfrontiert? SR: Aus eigener Berufserfahrung weiß ich, dass Frauentoiletten in Architekturbüros immer wieder zu informellen Rückzugsorten wurden. . .


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