Stadt, Land, Nahrungsfluss

Seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 werden es etwa zwei Drittel sein. Damit verlagert sich auch die Frage nach nachhaltiger, fairer und effizienter Ernährung zunehmend in den urbanen Raum. Gleichzeitig setzen Bevölkerungswachstum, Krisen, Klimawandel und Konsumverhalten die globalen Nahrungssysteme unter Druck.
Städte entwickelten sich im Laufe der Zeit von Orten der Produktion zu Konsumorten. Einst ein bestimmender Faktor für Alltag und Architektur wurde Nahrung zu einer unsichtbaren Infrastruktur. Diese Entfremdung der Städter:innen von ihrer eigenen Lebensgrundlage zeigt sich im Ernährungsverhalten. Überfluss, täglicher Fleischkonsum und die ständige Verfügbarkeit und Verschwendung von Lebensmitteln wurden zur Selbstverständlichkeit. Mit zunehmender Distanz zwischen Produzent:innen und Konsument:innen gewannen Lebensmittelkonzerne in ihrer Schnittstellenfunktion an Macht, was zu intransparenten Lieferketten führte. Durch die Standortwahl beeinflussen Supermärkte zudem die Quartiersentwicklung und können zu Katalysatoren für Gentrifizierungsprozesse werden. Gleichzeitig ist fehlender Zugang zu gesunden und leistbaren Lebensmitteln ein Nährboden für sozioökonomische Benachteiligung bereits einkommensschwacher Nachbarschaften. In Österreich sind trotz einer der höchsten Supermarktdichten im europäischen, aber auch weltweiten Vergleich zwölf Prozent der gesamten Bevölkerung von mangelndem Zugang zum Ernährungssystem betroffen. Die Stadt Wien versorgt sich zu 28 Prozent selbst mit Gemüse aus Anbauflächen in den Bezirken Simmering und Donaustadt. Das ist vergleichsweise viel, garantiert jedoch noch lange keine Ernährungssicherheit in einer Krisensituation. Gleichzeitig kämpft Österreich wie viele Industrieländer mit Bauernsterben und (seit der Pandemie) mit Stadtflucht. Viele der leer stehenden Bauernhäuser werden von Städter:innen gekauft und zu Wohnraum umfunktioniert – Bauernhofromantik, aber ohne Kuhdung am Schuh. Die Landwirtschaft wird dabei in dicht besiedelte Gebiete gedrängt und muss produktiver auf geringerer Fläche werden.

Das Dachgewächshaus von Lufa Farms in Montréal nutzt bestehende Dachflächen für urbane Lebensmittelproduktion.
Das Smart Home für die Gurke
Eine zentrale Rolle spielt hier „Controlled Environment Agriculture“ (CEA), also Landwirtschaft unter kontrollierten Bedingungen; insbesondere die Typologie der vertikalen Farm, die durch Hydroponik ermöglicht wird. Dabei wachsen Setzlinge in wasserbasierten Mineralnährlösungen statt in Erde heran, was den Wasserverbrauch durch Kreislaufsysteme reduziert, erdgebundene Krankheiten und Parasiten vermeidet und Anbaufläche spart. Auch die Umweltauswirkungen sind geringer, da Schadstoffe in geschlossenen Systemen gehalten werden können. Durch kontrolliertes Klima wird zudem der Pestizidbedarf reduziert, es wird ganzjährig produziert und Transportwege werden verkürzt. . .
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