Unifokus | Eine Bar als Beichtstuhl

In der Wiener Bar „Crudo“ regnen Geständnisse von der Decke: Lange Papierstreifen mit frisch bedruckten anonymen Bekenntnissen, geheimen Sehnsüchten und schambehafteten Gedanken verwandeln den Raum in ein lebendiges Archiv der Intimität. Eine Installation, die zum Innehalten, Lachen und Staunen einlädt. Wer traut sich, sich selbst zu bekennen?
Wer abends die Bar „Crudo“ von Monte Ofelio (ehemals „If Dogs Run Free“) in der Gumpendorfer Straße in Wien betritt, den begrüßen lange weiße Papierstreifen, die man sonst beim Bezahlvorgang auf die Frage „Rechnung?“ meist dankend ablehnt. Doch hier drucken die kleinen, von der Decke hängenden Geräte keine Quittungen, sondern die unzensierten Innenwelten der Bargäste: „Ich habe Angst vor Einsamkeit“, „Ich möchte insgeheim die Scheidung“, „Am glücklichsten bin ich, wenn ich nackt neben einem Mann liege“, „In meinen Träumen bin ich groß und Popstar“ oder „Und überhaupt freue ich mich gar nicht über die Gehaltserhöhung meiner Kolleg:innen“. Elegant drapiert gleiten die endlosen Streifen über die eigens angefertigten Linienlichter und agieren im Raum als sanfte Diffusoren. Mit jedem Geständnis, das kurz zuvor anonym über einen QR-Code per Smartphone eingetippt werden konnte, setzt sich der Mechanismus in Bewegung. Das Papier wird weitertransportiert und die Nachricht in Echtzeit in den Raum entlassen. Im Laufe des Abends rücken sie immer näher an die Gäste heran. So sammelt sich im Raum ein lebendiges Archiv intimster Gefühle. Es ist ein Destillat aus Schmerz, Angst, Neid, Scham und Schuld – und ebenso aus Liebe, tiefer Freude und purer Albernheit. Die Installation „Confession Karaoke“ verwandelt die Bar in einen Ort des anonymen Austauschs, an dem Fremde für wenige Stunden zu emotional Verbündeten werden.

Wer formt wen? Das Projekt von Elias Geser, Ömer Gürel, Erfan Khosravi, Jenny Roald Lyngstad und Wang Ruitao entstand im zweisemestrigen Kurs „Inner Spaces/The Interior“ an der Universität für angewandte Kunst Wien. Unter der Leitung der Architekten Gregorio S. Lubroth und Chieh-shu Tzou hinterfragten die Studierenden aus Kunst und Architektur die Rolle von Innenraumgestaltung. Design sollte hier nicht als statische Lösung eines funktionalen Problems verstanden werden, sondern vielmehr als konzeptueller Raum, der durch gelebte Erfahrungen geformt wird. Die zentrale Frage des Seminars rüttelt an den Grundfesten des Designs: Ist Gestaltung etwas, das wir erschaffen, oder erschafft sie uns? Der Kurs ermutigte die Studierenden, die instabile Beziehung zwischen der von uns geschaffenen Umwelt und unserem Selbstbild darin zu erkunden. Die Bar wurde dabei zum realen Designlabor. Ein offener, urbaner Ort der informellen Begegnung, an dem experimentelle Konzepte ungefiltert auf echte Menschen treffen. Atmosphären und Erlebnisse entstehen hier durch räumliche Interventionen – nicht als fertige Antworten, sondern als Fragen. „Confession Karaoke“ war dabei nur eines der erarbeiteten Projekte dieses Kurses, bei dem die Studierenden als Kollektiv gleichzeitig zu Gestalter:innen, Akteur:innen, Kritiker: innen und Autor:innen eines gemeinsamen Prozesses wurden. . .
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