Unifokus | TU Graz

Die Fakultät für Architektur an der TU Graz versteht sich als Ort, an dem die Rolle von Architekt:innen in ihrer ganzen Breite gelehrt und weitergedacht wird. „Unser Ziel ist es, starke Entwerfer: innen mit einem ausgeprägten Fachwissen auszubilden, welche die Komplexität des architektonischen Handelns in verschiedenen Bauaufgaben verantwortungsvoll meistern“, sagt Petra Petersson, Dekanin der Fakultät. Entscheidend sei dabei ein ganzheitlicher Blick.
Architektur wird auf der TU Graz als Verbindung von Entwurf, Technik, Forschung und gesellschaftlicher Verantwortung verstanden. Die Lehrpläne spiegeln diesen Anspruch wider. Neben der Konzentration auf das Entwerfen und Konstruieren, das die Basis jeder Architekturausbildung bildet, haben in den letzten Jahren Themen wie Nachhaltigkeit, Bauen im Bestand und Holzbau eine wichtige Rolle eingenommen. Dafür wurden spezialisierte Forschungsgruppen und Institute aufgebaut. Die Fakultät setzt bewusst auf eine enge Koppelung von Theorie, Entwurf und Baupraxis. „Uns ist wichtig, den Studierenden und forschenden Mitarbeiter:innen eine Vielzahl an Meinungen und Expertisen anbieten zu können“, so Petersson. Austauschformate wie die Master-Ringvorlesungen, Seminare, die Graz Architecture Lectures oder die jährliche Sommerausstellung bieten kontinuierlich Möglichkeiten zum Lernen voneinander und zum Testen neuer Ansätze. Gleichzeitig stellt sich die TU Graz den großen Fragen der Gegenwart. Digitalisierung, Klimawandel und gesellschaftlicher Wandel prägen die Lehre ebenso wie die Diskussion um die Rolle von Architekt:innen im Planungsprozess. Petersson beobachtet eine zunehmende Spezialisierung und eine stärkere politische Dimension der Architekturausbildung in Europa. Für Graz wünscht sie sich auch weiterhin einen Fokus auf Qualität und Entwurf. „Ich wünsche mir eine diversere Architektur. Und ich wünsche mir, dass sich Architekt:innen trotz der aktuellen Lage die Freude am Schaffen nicht nehmen lassen.“ Die Fakultät für Architektur der TU Graz hat sich zum Ziel gesetzt, Studierende auszubilden, die mit Engagement, Fachwissen und Haltung in die Praxis gehen. Vier ausgewählte Projekte zeigen die Bandbreite dieser Arbeit. Sie reichen vom experimentellen Entwurf bis zur forschungsnahen Auseinandersetzung mit sozialen Fragen.
RAUM FÜR INKLUSION | Simon Winter
Betreutes Wohnen als Schnittstelle zwischen sozialer Gemeinschaft und individueller Selbstbestimmung
Das Projekt untersucht, wie betreutes Wohnen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in eine inklusive Architektur übersetzt werden kann. Der Entwurf für ein Wohnhaus in der Grazer Schlögelgasse verbindet Räume für Begegnung mit Rückzugsmöglichkeiten und schafft so Selbstbestimmung im Alltag. Die Integration in die Nachbarschaft wirft die Frage auf, welchen Mehrwert soziale Nutzungen für die Stadtgemeinschaft bieten. Grundlage ist die bestehende Kaiser-Josef-Garage von Herbert Eichholzer, die erhalten, überbaut und mit einer flexiblen Holzkonstruktion erweitert wird. So entsteht ein Modell dafür, wie Neubau und Bestand verwoben und gesellschaftliche Aufgaben räumlich sichtbar gemacht werden können.

Betreutes Wohnen als Schnittstelle zwischen sozialer Gemeinschaft und individueller Selbstbestimmung. © Simon Winter
VERWOBENE LEBENSRÄUME | Mara Lang & Katrin Neumann
Eine postindustrielle Sukzession der Spiegelfabrik Mannheim als Quartier der Koexistenz.
Die Masterarbeit untersucht Stadtplanung jenseits einer rein menschlichen Perspektive und versteht den Menschen als Teil eines ökologischen Netzwerks aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen. Auf dem 42 Hektar großen Gelände der ehemaligen Spiegelfabrik in Mannheim wird eine Strategie entwickelt, die bauliche und ökologische Strukturen verbindet und zu einem offenen Stadtquartier weiterführt. Im Zentrum steht die Gestaltung von Schnittstellen zwischen menschlichem und mehr-als-menschlichem Raum. Ein Werkzeugkasten ermöglicht Weiterbauen im Bestand und neue Räume im Zusammenspiel mit Waldflächen. Zeilenförmige Wohnbauten vermitteln zwischen unterschiedlichen Atmosphären. Die Arbeit plädiert für eine Planungslogik, die auf Wachstum, Anpassung und Koexistenz setzt und Stadt als ökologisch vernetztes Miteinander versteht.

Eine postindustrielle Sukzession der Spiegelfabrik Mannheim als Quartier der Koexistenz. © Mara Lang & Katrin Neumann
LEONCE UND LENA, UND EIN HAUS | Pia Pollak
Ein transdisziplinärer Versuch
Das Projekt übersetzt Georg Büchners Theaterstück „Leonce und Lena“ in Architektur und untersucht, wie literarische Strukturen räumlich fassbar werden. Ausgangspunkt ist ein Leerstand in der Uhlandgasse 6 in Graz. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Ein atmosphärischer Zugang stellt Textpassagen räumlichen Situationen gegenüber, ein analytischer Teil erläutert die architektonischen Entscheidungen. So entsteht ein Wohnhaus, das die dramaturgischen Wendungen des Stücks in Raumgefüge, Wegeführung und Materialität aufnimmt und zugleich Rückzugsorte für unterschiedliche Lebenssituationen bietet.

Ein transdisziplinärer Versuch. © Pia Pollak
ZWISCHEN GARANTIE UND AUTARKIE | Marius Birnbreier
Selbstverantwortungsräume als Beitrag zur territorialen Gerechtigkeit in peripherisierten Gemeinden
Die Arbeit untersucht exemplarisch am Strukturwandel in der Lausitz räumliche Selbstverantwortung im Kontext territorialer Gerechtigkeit. Sie stellt etablierte Deutungen von Wachstum, Schrumpfung und Stadt-Land-Gegensatz infrage und rückt Alltagsräume wie Kleingärten oder Garagen ins Zentrum. Ziel ist es, partizipative Strategien zu entwickeln, die lokale Akteur:innen einbeziehen und resiliente Netzwerke stärken. Am Beispiel von Weißwasser/Oberlausitz werden drei räumlich-konzeptionelle Ansätze vorgestellt, ergänzt durch einen interdisziplinären Workshop vor Ort. So entsteht eine „Phase Null“ möglicher Zukunftsszenarien, die flexible Impulse für gerechte und nachhaltige Entwicklungen liefert.

Selbstverantwortungsräume als Beitrag zur territorialen Gerechtigkeit in peripherisierten Gemeinden. © Marius Birnbreier
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