Veranstaltung „Mein HausVerstand“ präsentiert junge Grazer Architektur

Mein HausVerstand: Veranstaltung im HDA Graz, 09.09.2015; im Rahmen des Architektursommer 2015; Foto: © revolver architecture

Dass ArchitektInnen und BauherrInnen im privaten Wohnhausbau zueinanderfinden, ist oft eine langwierige Angelegenheit, oft Zufall, manches Mal kommt die ideale Kombination überhaupt nicht zustande. Für einen hilfreichen Brückenschlag – zumindest mal im Grazer Raum – nahm das Architekturbüro revolver architecture unter der Initiative von Petra Kickenweitz das Format von Pecha Kucha-Vorträgen (20 Bilder zu je 20 Sekunden) zur Hand und lud Anfang September sieben Architekturbüros im Rahmen des Architektursommers 2015 ins Haus der Architektur Graz. So – zeitlich gut terminisiert – präsentierten die jungen ArchitektInnen (alle durchwegs in den 1970er-Jahren Geborene) jeweils Projekte zum Thema Wohnen. Die Kommunikation zwischen ArchitektInnen und BauherrInnen, haben sich die beiden einmal gefunden, scheitere oft am Verständnis des „Begriffs Raum“, meint einleitend Architektin Marieluise Fuxjäger. In einem Film für „Groß und Klein“ zeigt sie, um diese Barriere möglichst auszuräumen, wie denn Raum im Kontext der Architektur verstanden werden kann.

„Neuer Charakter in alten Hüllen“
Vorgestellt wurden v.a. Umbauten im großen und kleinen Maßstab – von Haus- bis zu Wohnungsumbauten, Sanierungen und Umnutzungen. Sehr behutsam wird bei diesen Arbeiten mit dem Bestand umgegangen, vorhandene Qualitäten erkannt und schöne atmosphärisch-räumliche Lösungen gefunden. aka-architektur (Arne Böhm, Karin Hubmer) zum Beispiel bringt beim Umbau eines südburgenländischen Bauernhauses in ein Ferienhaus einen „gänzlich neuen Charakter in eine alte Hülle“, belässt aber u.a. die teilweise verputzen Ziegelwände in den Gästezimmern (dem ehemaligen Kuhstall) – frisch sandgestrahlt – als Ziegelmauerwerk.
Das richtige „Gespür“ für das subtile Zusammenspiel von Alt und Neu entwickeln, die Veränderungsprozesse der Substanz verstehen, das hat Nicole Lam von Lam Architektur Studio bei ihren zahlreichen Sanierungsarbeiten in den letzten Jahren intensiviert. „Die Schönheit an einfachen Dingen erkennen“, meint sie und verweist auf ihr Satteldachhaus in Fichtenholz (man muss wissen, es war ein Spezialauftrag: ein Traktorschuppen mit einem kleinem Wohnraum im 1. Obergeschoss). Mit seiner konsequenten Einfachheit scheint das Haus die immergültige Form des Einfamilienhauses darzustellen, würde da nicht die Sonnenuhr auf der Fassade (eine Arbeit entstanden mit dem Grazer Künstler Michael Schuster) auf die Vergänglichkeit auch qualitätsvoller Architektur hinweisen. Ganz im Sinne der jungen Architektin. „Man soll die Dinge so leben lassen, wie sie altern“, sagt sie und will nichts von einer künstlichen Behandlung der Holzoberflächen wissen.
In punkto natürliche Bauweisen ist auch die Arbeit mit alternativen Baustoffen durchaus Thema, wie z.B. Jörg Spöttl von pluspukt sie beim Umbau seines eigenen Hauses konsequent in Form einer Dach- und Fassadendämmung in Stroh anwandte.

Mit den BauherrenInnen durch Dick und Dünn
Armin Stocker (Vorstandsmitglied der ZV Steiermark) zeigte mit zwei sehr schönen, vollkommen unterschiedlichen Zugängen zum Thema Wohnungsumbau (einmal galt es das „Sammelsurium“ der Bauherrin unterzubringen, einmal eine „neutrale, weiße Fläche“ für eine Jungfamilie mit viel Kunst und Büchern zu gestalten) den Spielraum, den ArchitektInnen beherrschen müssen, um auf Bauherrenwünsche adäquat reagieren zu können.
Denn manchmal können die Wünsche schon sehr extravagant und auch gegensätzlich ausfallen, sollen z.B. bei einem radikalem Umbau englische Wohnkultur und heimische Rustikalität gepaart zum Einsatz kommen (Umbau eines Hotels zu einem Wohngebäude in Altaussee, planorama architekten), oder aber wenn cooles Design im Dachgeschoss gewünscht ist (Penthouse in Graz, schlosser + partner).

„A glipmse of the secene“
Wenn auch ein Abend samt anschließender Gespräche mit einigen der Vortragenden nur eine Stimmung, eine Idee („a glimpse of the scene“) vermitteln kann, so wurde doch klar, mit welch großer Ernsthaftigkeit und Geradlinigkeit die jungen ArchitektInnen agieren. Man vermisst vielleicht das wilde Experiment der ehemaligen „Grazer Schule“. Aber das Phänomen „Grazer Schule“ ist mittlerweile zu weit weg, kann und soll vielleicht auch nicht mehr nachwirken. „Die letzten Protagonisten sind gegangen. Irgendwann muss es einen Wechsel geben“, meint Armin Stocker. Die Zeiten sind auch rauher geworden, das Interesse in der Hauptstadt hat seinen kulturpolitischen Fokus verlagert (mit Graz – UNESCO City of Design steht ganz Anderes im Vordergrund), der Druck der Investoren ist immens. Beim Bauen wird großflächig gespart. Bewundernswert, überhaupt noch das Wagnis einer eigenen Bürogründung einzugehen. „Angst darf man keine haben. Aber man weiß Gott sei Dank am Anfang nicht über die Risiken Bescheid“, meint Alexander Gurmann von agp (Architekt Gurmann & Partner). Er ist übrigens Spezialist für Hanghäuser (stellte auch ein 2012 realisiertes an dem Abend vor), weil die beliebten Baugründe für Einfamilienhäuser im hügeligen Norden von Graz liegen.
Unter diesem Licht der Produktionsbedingungen betrachtet, wird auch eine von Petra Kieckenweitz am Anfang des Abends an potentielle BauherrInnen gerichtete Aussage verständlich: „Die ArchitektInnen sind unabhängige Sachverständige, die sie in allen Belangen rund ums Bauen beraten.“ Die hat schon eine gewisse Berechtigung, doch Architektur kann mehr, konnte immer schon mehr und soll auch weiterhin mehr können. Die Disziplin ist vielfältig, eine anhaltende Reduktion ein Verlust – bleibt der Wunsch auszusprechen, dass diese nicht eine Notwendigkeit bleibt!