Vier Architekturprojekte für Gendergerechtigkeit und queere Sichtbarkeit

Architektur ist nie neutral. Sie entscheidet mit, wer sichtbar wird – und wer unsichtbar bleibt. Gendermainstreaming und queere Sichtbarkeit sind dabei kein dekorativer Zusatz, sondern die Grundlage für gerechte, inklusive Räume. Projekte wie das Victorian Pride Centre in Melbourne, Wolkengespräch in Zürich oder Rote Emma in Wien zeigen, wie Architektur Haltung einnehmen kann – und Vielfalt nicht nur duldet, sondern aktiv mitgestaltet.
Ana Otero | Siedlung „Wolkengespräch“, Zürich, Schweiz
Ort: Zürich, Schweiz | Foto: Andreas Buschmann
Mit einer erfrischenden Architektur realisierte Ana Otero einen qualitätsvollen und nicht alltäglichen Beitrag zum zeitgenössischen Siedlungsbau in der Stadt Zürich. Das Projekt mit dem poetisch klingenden Namen „Wolkengespräch“ besticht durch unkonventionelle Grundrisse und durch bunte bis ornamentale Details. In ihrer Materialität folgt die Anlage dem Zeitgeist und stellt sich der enormen Herausforderung der klimaneutralen Architektur. Die Wohnungen sind vorwiegend in Holz erstellt, Ana Otero arbeitete hier mit dem erfahrenen Ingenieurbüro Pirmin Jung zusammen. Aus Beton sind hingegen das Stiegenhaus oder der mit dem Untergrund verankerte hellgraue Gebäudesockel, der im schlichten Kranzgesims durch ein Kupferblech Resonanz findet. Die Fassaden muten mit ihrer vertikalen, hellgrauen Holzschalung und den durchgehenden Lisenen leicht an – in diesem Kontext spricht die Architektin auch von einer Analogie zur Natur und den Bäumen des nah gelegenen Waldes. Anders aber als im Grundriss dominieren im Aufriss ausschließlich rechte Winkel. Eine streng orthogonale Binnenstruktur überzieht die verschiedenen Schauseiten, von denen einige komplett geschlossen, manche mit Balkonen ausgestattet und die meisten mit großflächigen Fenstern versehen sind. [mehr]

© Andreas Buschmann
REARLEY ARCHITECTS AND URBANISTS + GRANT AMON ARCHITECTS | Victorian Pride Centre, Melbourne, Australien
Ort: Melbourne, Australien | Foto: John Gollings
Da die Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queer und Intersexuelle (LGBTQI+) überall spürbar ist, bietet das Victorian Pride Centre der LGBTQI+-Gemeinschaft nun einen sicheren und symbolischen Raum. Das Victorian Pride Centre (VPC), das von Brearley Architects and Urbanists (BAU) und Grant Amon Architects (GAA) in der australischen Stadt Melbourne auf dem Land der Kulin Nation entworfen wurde, ist ein weltweit wegweisendes Projekt, das die Rechte und Freiheiten der LGBTQI+-Gemeinschaft in einer eigens dafür errichteten Einrichtung feiert. Es wurde teilweise von der Provinzregierung von Victoria mitfinanziert, von der Stadtverwaltung wurden die Grundstücke zur Verfügung gestellt und beherbergt nun ein Spektrum von LGBTQI+-Organisationen, darunter das Melbourne Queer Film Festival, die Australian Queer Archives, Monash Health, Thorne Harbour Health, Joy 94.9 FM und Transgender Victoria, sowie Co-Working-, Geschäfts- und Kulturräume auf einer Fläche von 6200 m2. [mehr]

© John Gollings
ARGE Gerner Gerner Plus & AllesWirdGut | Die Rote Emma
Ort: Wien, Österreich | Fotos: ARGE Gerner Gerner Plus AllesWirdGut
Architektur kann Gewalt nicht verhindern. Aber sie kann Räume schaffen, die Frauen Schutz und Selbstbestimmung ermöglichen. Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt „Rote Emma“, das derzeit im 22. Wiener Gemeindebezirk entsteht. In Zusammenarbeit zwischen GERNER GERNER PLUS. und AllesWirdGut werden hier Räume entwickelt, die nicht nur funktional sind, sondern gezielt auf die Bedürfnisse und Rechte von Frauen* eingehen. Das Projekt ist aus einem Bauträgerwettbewerb hervorgegangen und verfolgt das Ziel, gendersensibles Bauen weiterzuentwickeln und unterschiedliche Lebensformen bestmöglich zu unterstützen. Bei der Planung wurden besondere Lösungen umgesetzt, um den Wohnraum flexibel und lebenswert zu gestalten. [mehr]

© ARGE Gerner Gerner Plus AllesWirdGut
SYNN ARCHITEKTEN | ROSE und white
Ort: Wien, Österreich | Fotos: Hertha Hurnaus
Wohnbauten, wie die beiden white und ROSE genannten Häuser der synn architekten auf dem Gelände des ehemaligen Wiener Nordbahnhofes sind schöne Beispiele dafür, wie Stadt- und Wohnraumentwicklung mit gender- und diversitätssensibler Planung im Sinne aller funktionieren kann. Das frei finanzierte Miethaus ROSE an der Bruno-Marek-Allee beherbergt in seinen Regelgeschossen 52 Wohneinheiten, zu denen im ersten Stock ein Wohnheim für wohnungslose Frauen mit Kindern zählt. Die Erdgeschossebene wird für Gemeinschaftsflächen und ein großes Geschäftslokal genutzt. Der lang gestreckte Baukörper wirkt im Verband mit den anschließenden Häusern als Filter zwischen Straßenraum und Wohnanlage, bleibt jedoch mit Durchgängen an seinen beiden Enden und großzügigen Verglasungen durchlässig in die von Carla Lo ästhetisch ansprechend und vielfältig nutzbar gestaltete Grünanlage. Denn Eine durchlässige und offene Freiraumgestaltung fördert nicht nur die städtebauliche Durchmischung, sondern erhöht auch das Sicherheitsgefühl der BewohnerInnen zu wenig belebten Zeiten. Die Bebauungsdichte auf dem Baufeld war durch eine maximale Geschossfläche festgelegt, die der Ausbildung der Baukörper noch einigen Spielraum ließ. [mehr]

© Hertha Hurnaus