Re-Use als Entwurfsprinzip in der Praxis

Vom Zug zum Haus

Das Bauen mit Re-Use geht über Fragen rein technischer Materialbeschaffung hinaus und definiert etablierte Planungsabläufe und ästhetische Erwartungen neu. Das Neubauprojekt Gebäude X in Zürich von Gigon Guyer Partner Architekten für die SBB zeigt, welches Entwurfspotenzial im Re-Use liegt und wo Wiederverwendung im Primärtragwerk die größte CO2-Wirkung und Entwurfsrelevanz entfaltet.

Hebel und Wirkung Im Wettbewerb für einen neuen Baustein auf dem SBB-Areal „Werkstadt Zürich“ wurden seitens SBB Immobilien ambitionierte Emissionszielwerte formuliert: Obwohl ein Grenzwert von fünf Kilogramm CO2- Äquivalenten pro Quadratmeter Energiebezugsfläche bei Umbauten realistisch ist, gibt es bisher nur wenige Neubauten, die entsprechende Emissionsbilanzen aufweisen. Die Jury folgte dem Vorschlag von Gigon Guyer, Emissionseinsparungen dank Re-Use dort anzusetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten: im Primärtragwerk. Elemente des Innenausbaus wie Türen oder Sanitärapparate sind sogenannte „low-hanging fruits“: Sie gelten als verhältnismäßig leicht wiederverwendbar. Während sie das Bewusstsein für unseren Umgang mit Ressourcen dank einer gewählt anderen Ästhetik stärken, ist ihr Einfluss auf die Gesamtbilanz jedoch oft begrenzt. Die Wiederverwendung tragender Bauteile hingegen ermöglicht substanzielle Emissionseinsparungen – mit gleichzeitig hoher Entwurfsrelevanz. Wenn wiederverwendete Bahnschienen sandgestrahlt und zu Stützen verschweißt werden, sehen sie aus wie neu: grau mit Schweißnähten. Leider, denn bevorzugt hätte das Planungsteam die vom Schienennetz bekannte rostbraune Patina. Doch eine Behandlung mit Salzlösung sprengte den Kostenrahmen; so werden die verschweißten Bauteile im Freien gelagert, um kontrolliert zu verwittern. Selbst die gleichmäßige Rostbildung wurde damit zur Planungsaufgabe – und macht nach Fertigstellung die Geschichte des Materials auch für die Nutzer:innen des Bauwerks nachvollziehbar. So verknüpft das Gebäude X ökologische Strategie mit architektonischem Ausdruck.

Rendering: Zuend, Zürich

Entwerfen in verschobenen Phasen

Doch wie werden aus Schienen Stützen? Um die Machbarkeit des charakteristischen Tragwerks schon im Wettbewerb abzuklären, wurde frühzeitig ein Stahlbauunternehmen in den Entwurfsprozess eingebunden. Diese Form der phasenverschobenen Planung ist typisch für Re-Use-Projekte: Der Planungsaufwand verlagert sich in frühe Phasen. Klassische Leistungsund Honorarmodelle bilden das oft nicht ab und stehen so im Widerspruch zu ökologischen Zielsetzungen. . .

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