"Traditionelle Bauweisen - Ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten"

Weltreise durch Zeit und Raum

Cover 3D Traditionelle Bauweisen

Das Buch „Traditionelle Bauweisen – Ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten“, das Christian Schittich im Birkhäuser Verlag herausgegeben hat, gibt Einblick in den Reichtum vernakulärer Architektur. Traditionelle Bauweisen sind sichtbares Merkmal von Gesellschaften, die mit ihrem Land verwurzelt und ihren Häusern verbunden sind. Dementsprechend vielfältig sind auch Baumaterialien und Technologien: Das Spektrum reicht von Höhlen bis zu Baumhäusern, Holz und Stein bis Gras.


 

Vernakuläre Bauten – also Häuser, die ohne Architekten von ihren Bewohnern aus Materialien wie Holz, Bambus, Lehm, Stein, Palmwedeln und Gräsern mit viel Kenntnis um die traditionelle örtliche Baukultur errichtet wurden – sind weit mehr als „nur“ Behausungen. Sie sind auch spirituelle Symbole für ein Weltbild und sichtbares Merkmal von Gesellschaften, die mit ihrem Land verwurzelt und ihren Häusern tief verbunden sind. Oft sind sie aus natürlichen Materialien gebaut und müssen daher ständig repariert und instandgehalten werden. Das erfordert Handfertigkeiten und profunde Kenntnis zur Bauweise, die auch von Generation zu Generation gepflegt und weitergegeben werden müssen. Bauart und Anordnung der Häuser spiegelt auch die gesellschaftlichen Werte der jeweiligen Dorfgemeinschaft wider, die Gefahren und Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist, sowie die klimatischen Bedingungen.

Drei Arten traditionellen Hausbaus: runde Gemeinschaftshäuser, mit Palmblättern gedeckt, Jurten und der Bau eines Zeltes Photos: robertharding, Hans Munk Hansen, Gordon Clarke, Institute of Nomadic Architecture

Drei Arten traditionellen Hausbaus: runde Gemeinschaftshäuser, mit Palmblättern gedeckt, Jurten und der Bau eines Zeltes  Photos: robertharding, Hans Munk Hansen, Gordon Clarke, Institute of Nomadic Architecture

Traditionelle Bauten zeugen von großem Wissen um die vor Ort verfügbaren natürlichen Ressourcen. So verwenden die Zulu im südlichen Afrika unter genauester Kenntnis spezifischer Materialeigenschaften bis zu zehn Grasarten, um ihre Rundhütten abzudecken. Oft haben Teile des Hauses auch symbolische Bedeutung – so können auf den Pazifikinseln Ozeaniens auch Stützen und Träger die Ahnen repräsentieren, die im Bewusstsein der Menschen ständig präsent und so auch im Haus anwesend sind. Bei den indigenen Völkern im brasilianischen Xingu-Gebiet verkörpert der zentrale Pfosten den Mittelpunkt des Universums. Das Buch „Traditionelle Bauweisen – ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten“, das Christian Schittich im Birkhäuser Verlag herausgegeben hat, ist in vielerlei Hinsicht faszinierend. Es öffnet das Tor und den Blick in eine Welt, Kultur und Lebensweise, die vielfach von der Zivilisation bedroht und teilweise schon verschwunden ist. Einige Fotos in diesem Buch stammen noch auf den 1970er Jahren, andere sind glücklicherweise jünger.

Drei Arten traditionellen Hausbaus: runde Gemeinschaftshäuser, mit Palmblättern gedeckt, Jurten und der Bau eines Zeltes Photos: robertharding, Hans Munk Hansen, Gordon Clarke, Institute of Nomadic Architecture

Drei Arten traditionellen Hausbaus: runde Gemeinschaftshäuser, mit Palmblättern gedeckt, Jurten und der Bau eines Zeltes  Photos: robertharding, Hans Munk Hansen, Gordon Clarke, Institute of Nomadic Architecture

Besonders fasizinierend sind beispielsweise die Tulou-Bauten im südostchinesischen Fujan: Riesige, runde Häuser aus Holz und Lehm, die teilweise in mehreren konzentrischen Kreisen um eine Ahnenhalle oder um einen offenen Hof angeordnet sind und von einer Art runden Laubengang erschlossen werden, der auch Freiräume bietet. Ihnen ist – zu Recht – ein ganzes Kapitel gewidmet.

Tulou-Bauten in Fujian Photo: Christan Schittich

Tulou-Bauten in Fujian    Photo: Christan Schittich

Viele Themen, die heute wieder hoch aktuell sind, finden sich in diesem Buch vielfach variiert. So zum Beispiel das Bauen mit natürlichen, dadurch auch weitgehend schadstofffreien, abbaubaren Materialien, ihre Wiederverwertbarkeit, aber auch die Multifunktionalität – wie die Flachdächer der Bauernhäuser am Yamdrok See in Tibet, die dazu genutzt werden, das Heu für den Winter zu trocken – und die verdichtete Bauweise, die diese um Innenhöfe angeordneten Häuser auszeichnet, an denen Roland Rainer seine reine Freude hätte.

Traditionelle Architektur in Gansu, China und Myanmar Photo: Christian Schittich

Traditionelle Architektur in Gansu, China und Myanmar Photo: Christian Schittich

Auch Schönheit ist bei diesen Bauten ein großes Thema. Sehr beachtlich ist an diesen vernakularen Bauten auch, wie stark und intelligent auf klimatische Verhältnisse, ihre Bedingungen, Möglicheiten und gesellschaftlichen Realitäten reagieren. So errichten die Dassenetch im südlichen Äthiopien ihre mobilen Hütten aus gebogenen Zweigen, die mit Bast zusammengebunden und mit Rinde, Schilfmatten und Fellen bedeckt werden. Beinahe beschämend ist der minimale ökologische Fußabdruck und Flächenbedarf der Menschen, deren Häuser und Lebensweise hier porträtiert werden. In Europa haben sich unter anderem das niederdeutsche Hallenhaus, Fachwerkhäuser in Süddeutschland, das Engadiner Haus, Zelte nomadischer Jäger und Hirten, sowie das anatolisch-türkische Haus herausgebildet.

In Asien findet sich mit Jurten und Schwarzzelten in den Hochsteppen, den wunderbaren, inzwischen vom Krieg höchst gefährdeten Turmhäusern in der Altstadt von Sana’a, den gleichfalls aus demselben Grund von Zerstörung bedrohten Kuppelhäusern in Syrien, lokalen Bautraditionen in Indien oder Holz- und Lehmhäusern in Japan und Korea eine ungeheure Vielfalt an Bauformen. Auch Afrika hält einige Entdeckungen parat – wie beispielsweise die wunderbar mit Ornamenten aus roten Pflanzensäften imprägnierten Lehmfassaden in einem Dorf der Gurunsi im Norden Ghanas, die berühmte Architektur der Dogon in Mali und Burkina Faso, sowie die Rundhäuser im südlichen Afrika aus Holz, Gras und Lehm.

Dieses Buch ist eine Weltreise zu traditionellen Bauweisen auf allen Erdteilen, die durch kenntnisreiche Texte unterschiedlicher Autoren und Autorinnen, viele Fotos und auch Pläne und Schnitte wunderbar dokumentiert sind. Für alle, die sich für vernakuläres Bauen interessieren, ein absolutes Muss. Christian Schittichs bedauernder Feststellung, dass die tradionellen Bauweisen als Ganzes in die Architekturlehre an den Universitäten bisher kaum Einzug gehalten haben, kann man sich nur anschließen: „Ausreichend Anschauungsmaterial und Lernpotenzial wäre auf jeden Fall vorhanden.“

Buchcover "Traditionelle Bauweisen - Ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten"

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