Wer plant das soziale?

Auch die biennal stattfindenden Architekturtage widmen sich dieses Jahr dem Thema Infrastruktur – jener oft unsichtbaren Grundierung unseres Alltags, die bestimmt, wie wir uns bewegen, begegnen und versorgen. Infrastruktur ist nie neutral: Sie spiegelt gesellschaftliche Werte, Machtverhältnisse und Prioritäten. Wer hat Zugang, wem wird Raum gegeben, und wer fällt durch das Raster? Um diesen sozialen Verflechtungen nachzugehen, haben wir sieben Botschafter:innen des österreichweiten Festivals eingeladen, über die Schnittstellen von Wasser, Care, Leerstand und Mobilität zu sprechen.


WASSER

Selina Wach: Wie muss Wasserinfrastruktur heute gedacht werden, damit sie nicht nur technisch auf Starkregen, Trockenheit und Hochwasser reagiert, sondern zugleich einen gerechten und verlässlichen Zugang zu Wasser für alle sichert?

THOMAS PÜHRINGER (IKB Innsbrucker Kommunalbetriebe AG): Wasserinfrastruktur soll und muss heute mehr denn je ganzheitlich und vorausschauend gedacht werden. Es geht nicht nur darum, auf Starkregen oder Trockenheit zu reagieren, sondern Systeme resilient und generationenübergreifend zu planen. Dass die Versorgung in Innsbruck heute so gut funktioniert, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Weitblick, konsequentem Ausbau und täglichem Engagement. Gleichzeitig wäre es falsch, sich darauf auszuruhen. Der Klimawandel verändert auch unsere Wasserressourcen, Nutzungskonflikte nehmen zu und die Anforderungen an Versorgungssicherheit steigen weiter. Für uns als IKB ist klar: Eine verlässliche und sichere Versorgung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein laufender, jahresdurchgängiger Auftrag. Dazu gehört auch, Wasser als öffentliches Gut zu verstehen und einen nachhaltigen Zugang für alle zu sichern. Darüber hinaus prägt Wasserinfrastruktur unsere Lebensräume. Sie kann wesentlich dazu beitragen, Städte klimaresilient zu gestalten und gleichzeitig Räume zu schaffen, die kühlen, schützen und Gemeinschaft fördern. Unser Anspruch ist es . . .


LEERSTAND

SW: Wie kann der Umgang mit Leerstand so organisiert werden, dass aus „obsoleten“ Gebäuden neue Formen sozialer Infrastruktur entstehen, für Care, Bildung oder Nachbarschaftsinitiativen?

ANAMARIJA BATISTA Kuratorin (interdisziplinäre Forschung): Leerstand ist für mich kein bloßes Defizit, sondern ein Symptom dafür, dass sich gesellschaftliche Prioritäten, Konsumformen und Arbeitsweisen verschieben. Obsolete Gebäude – vom Discounter bis zur Büroimmobilie – markieren genau jene Bruchstellen, an denen neu verhandelt werden muss, wofür wir in der Stadt überhaupt Raum vorhalten. Entscheidend ist daher weniger die einzelne Zwischennutzung, sondern ein systemischer Blick: Wo entstehen Leerstände, wem gehören sie, und welche Funktionen fehlen im Umfeld? Ein erster Schritt wäre ein Kataster der Obsoleszenz, der leer stehende und untergenutzte Strukturen räumlich und zeitlich sichtbar macht. Auf dieser Grundlage könnten Kommunen gezielt jene Orte identifizieren, an denen soziale und Bildungsinfrastrukturen – Kindergärten, Bibliotheken, psychosoziale Angebote, Nachbarschaftszentren – nicht als „Lückenfüller“, sondern als zentrale öffentliche Aufgaben verankert werden. Damit einher geht eine bewusste Boden‑ und Vergabepolitik: Wenn jeder attraktive Standort sofort in private Hand wandert, verlieren soziale Einrichtungen jene Präsenz im Stadtbild, die ihren gesellschaftlichen Stellenwert überhaupt erst sichtbar macht. . 


CARE

SW: Sie sprechen von Gebäuden als „Möglichkeitsräumen“ und als langlebiger Ressource. Wie kann Care-Infrastruktur so entworfen werden, dass sie über ihren Lebenszyklus hinweg flexibel auf veränderte soziale Bedürfnisse reagieren kann?

EVA HIERZER (NOW Architektur): Infrastruktur wird viel zu oft nur technisch verstanden. Dabei ist Care-Infrastruktur das Rückgrat unseres Alltags: Schulen, Krankenhäuser, Kulturorte. Weil sich Bedürfnisse und Standards ständig ändern (man sieht das gerade bei Pädagogik und neuen Lernformen), müssen Gebäude so gedacht sein, dass Wandel mitgeplant ist: Standort und Erreichbarkeit sind bereits Care-Fragen. Wer hat Zugang, wie kommt man hin? Dann: Wie offen ist das Haus zum Außenraum, kann es sich öffnen und auch wieder schließen, kommuniziert es mit Dorf- oder Stadtraum? Und konstruktiv: Eine langlebige Struktur trennt Tragwerk und Ausbau. Ein Stützenraster mit guten Raumhöhen – oder auch ein Gründerzeitbau mit großzügigen Raumvolumen – lässt sich leichter umnutzen. . .


MOBILITÄT

SW: Was braucht eine „krisensichere“ Mobilitätsinfrastruktur, damit Rettungsdienste, Pflegeund Hilfsangebote Menschen in Notlagen verlässlich erreichen – gerade auch in peripheren oder benachteiligten Stadtteilen?

GERRY FOITIK (Österreichisches Rotes Kreuz): Mobilität ist eine Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe und damit auch für die Teilhabe am Gesundheitssystem. Viele unserer Krankentransporte wären nicht notwendig, wenn es einen gut ausgebauten, barrierearmen öffentlichen Personennahverkehr gäbe. Es gibt zahlreiche stationäre Einrichtungen für Gesundheit, Pflege und Betreuung, aber Menschen schaffen den Weg dorthin oft nicht: weil der nächste Bus zwei Kilometer entfernt hält, weil Bedarfssysteme wie Anrufsammeltaxis aus Spargründen eingestellt werden. In einem reichen Wohlfahrtsstaat wie Österreich sollte es entweder verlässliche Mikro-Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs geben – oder ein verbrieftes Recht auf Transport zur Behandlung durch Sozialversicherung oder Gebietskörperschaften. . .

 

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