Wettbewerb für die Erweiterung und Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Gusen

Zeichen setzen gegen das vergessen

Im malerisch gelegenen Gusen in unmittelbarer Nähe zu Linz befinden sich die historischen Überreste eines Konzentrationslagers, das heute nahezu in Vergessenheit geraten ist: Das KZ Gusen war eines von rund 49 Außenlagern des KZ Mauthausen, in dem die Nationalsozialisten insgesamt bis zu 100.000 Menschen ermordeten. Die Häftlinge in Gusen wurden zunächst zur Zwangsarbeit in den nahegelegenen Steinbrüchen gezwungen, später zur Rüstungsproduktion und zum Bau von Stollenanlagen herangezogen. Heutzutage sind die baulichen Überreste weitgehend überformt durch Überbauung und Umnutzung, etwa großflächigen Siedlungsbau auf den Fundamenten des Lagers. Einzig um das Krematorium wurde 1965 ein Memorial errichtet, an das ein kleines Besucher: innenzentrum (2005) anschließt. Diese Überbauung und Ausblendung erzählt eine Geschichte von Verdrängung und Vergessen, die nach einer Antwort sucht. Wie können wir respektvoll und sensibel mit dem Vergangenen umgehen und gleichzeitig dem Heute gerecht werden? Die Burghauptmannschaft Österreich lobte in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen im September 2024 einen EU-weiten, zweistufigen, offenen Realisierungswettbewerb mit anschließendem Verhandlungsverfahren für die Gestaltung einer neuen Gedenk- und Bildungsstätte in Gusen aus. Gefordert war die landschaftsplanerische, baukünstlerische und städtebauliche Gesamtgestaltung der ehemaligen Lagerbereiche. Dies beinhaltete die Planung eines neuen Ankunftsgebäudes, eines Raumes der Stille, die Neugestaltung des ehemaligen Appellplatzes sowie die Freiraumgestaltung dreier Teilstandorte. Für die Jury unter Vorsitz von Manfred Wehdorn stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich der historische Tat- und Leidensort mit einem zeitgemäßen Ort des Erinnerns und gesellschaftlichen Diskurses verbinden lässt.

1. EIN BAND DER ERINNERUNG
querkraft Architekten ZT GmbH mit Kieran Fraser Landscape Design e.U., Wien

Die Wiener Büros querkraft Architekten und Kieran Fraser Landscape Design verbinden gezielte architektonische Eingriffe, die Landschaft und historische Orte strukturieren, mit einer Freiraumplanung, die historische Fragmente freilegt und künstlerisch interpretiert. Auf diese Weise entsteht ein Band der Erinnerung, das die Vergangenheit erlebbar macht und gleichzeitig in Bezug zum Heute setzt. Um die historischen Orte des Konzentrationslagers zu verbinden, entschieden sich die Büros für die Gestaltung eines offenen Korridors aus rotem, sägerauem Sichtbeton, der sich an die östlichen Grundstücksgrenzen schmiegt und damit die natürliche Topografie aufnimmt. Der rot gefärbte Beton zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Areal und ist an die Materialität des Memorials angelehnt. Die rötliche Färbung schafft jedoch eine klare zeitliche Abgrenzung und Eigenständigkeit der neuen baulichen Interventionen. . .

2. DER VERGANGENHEIT RAUM GEBEN
Gerber Architekten GmbH, Dortmund

Gerber Architekten verfolgt in seinem Wettbewerbsbeitrag „Architektur des Erinnerns“ eine zurückhaltende und minimalistische Gestaltung, die den Fokus auf die historischen Fragmente des Ortes legt. Das Empfangsgebäude am südlichen Ende des Planungsgebiets schiebt sich als Riegel in die vorhandene Topografie und öffnet sich mit einer Glasfront zu den Bestandsgebäuden der ehemaligen SS-Baracken. Eine Baumreihe mit Spiegelflächen schließt sich westlich an die Ruine an und markiert den Verlauf der ehemaligen Schleppbahn, wodurch eine symbolische Verbindung zum Stollensystem „Bergkristall“ geschaffen wird. In der Waldlichtung neben dem Schotterbrecher ist ein Lehmbau mit Lärchenholzfassade auf einer Betonplatte geplant: der Raum der Stille. Nur durch ein Oberlicht belichtet und mit einem stillen Wasserbecken im hinteren Teil ergänzt, soll dieser Ort zum Gedenken einladen.

3. RISS DURCH RAUM UND ZEIT
HOFRICHTER-RITTER Architekten ZT GmbH, Graz

Leitidee dieses Entwurfes ist die architektonische Sichtbarmachung der Wunde, die der Nationalsozialismus in unsere Gesellschaft gerissen hat. Dieser Riss wird versinnbildlicht in einer Spundwand, die die östliche Geländekante des Planungsgebiets räumlich fasst. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Planungsgelände, vom Empfangsgebäude bis zum Schotterbrecher. Das durchgängige Materialund Gestaltungsvokabular aus Cortenstahl, Stein, Holz und rohen Spundwänden verbindet gestalterisch auch die Planungsgebiete, die durch Siedlungsbau getrennt sind. Ein zweites Leitmotiv des Entwurfs findet sich im Landschaftskonzept wieder: Die bestehende Vegetation und Verwilderung wird nicht beseitigt, sondern als Heranwachsen der Landschaft verstanden und durch weitere Flächen mit Wildwuchs und Wiesen bewusst gestärkt.


Jetzt Heft bestellen und weiterlesen!

Der ganzen Beitrag gibt es in unserer neuen Ausgabe von architektur.aktuell 7-8/2026 zu lesen.

Das könnte Sie auch interessieren