Wo früher Bagger Landschaften fraßen, entstehen heute Räume für Begegnung, Bildung und neue Arbeit. Im Rheinischen Revier begleitet Architektin und Stadtplanerin Agnes Förster in Kooperation mit der RWTH Aachen, regionalen Partner:innen und der FH Aachen den Wandel – nicht als Masterplan, sondern als soziale Praxis. Ein Blick auf Morschenich-Alt, den Hambacher Forst und die Suche nach einer ökonomisch wie räumlich tragfähigen Zukunft.


Zwischen Braunkohle und Bürger:innenbeteiligung


Im rund 4.800 Quadratkilometer großen Rheinischen Revier zeigt sich, wie Zukunft in der Gegenwart entstehen kann: als kollektiver Lernprozess. Förster versteht Transformation nicht als Plan, sondern als Praxis des Miteinanders. Ihr geht es um Kommunikation, Wissens- und Ressourcenentwicklung, um zwischenmenschliche Interaktion – gestaltet im Zusammenspiel von Architektur, Stadtplanung und gesellschaftlicher Innovation. Wo über Jahrzehnte Braunkohle gefördert wurde, sucht heute die Region nach neuen Grundlagen für Arbeit, Identität und Gemeinschaft. „Das Rheinische Revier ist kein Hotspot, keine Metropolregion im klassischen Sinn“, erläutert Förster. „Es ist ein polyzentrischer Raum zwischen Köln, Aachen und der belgischen Grenze, mit starken Gegensätzen zwischen urbanen Zentren und ländlichen Böden von höchster Qualität.“ Transformation betrifft hier nicht nur Energie und Wirtschaft, sondern Heimat, Zugehörigkeit, Landschaft und Infrastruktur.

Foto: Benedikt Nestmeier

Von Top-down zur lernenden Region

Strukturwandel gilt vielen als technokratische Angelegenheit, geprägt von Milliardenprogrammen und Masterplänen. Doch gesellschaftlicher Wandel braucht mehr: Beteiligung, Begegnung, Vertrauen. Förster untersucht an ihrem Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung, wie sich räumliche Entwicklung als kooperative Praxis organisieren lässt. In Projekten wie der Transformationsplattform REVIERa oder der tu! Temporären Universität Hambach, die seit 2023 jährlich stattfindet, werden Orte des Lernens und Handelns geschaffen. „Wir wollen Räume, in denen Menschen, Themen und Anliegen in Transformation einander begegnen können“, erklärt Förster. Diese Räume entstehen auf ehemaligen Tagebauflächen, in Dörfern, Hochschulen oder leerstehenden Kaufhäusern.

Morschenich-Alt – vom Umsiedlungsort zum Zukunftsdorf Bürgewald

Kaum ein Ort verkörpert die Ambivalenz des Strukturwandels so stark wie Morschenich-Alt, das seit 2024 unter dem Namen Bürgewald als „Ort der Zukunft“ firmiert. Der Ortsteil der Gemeinde Merzenich liegt im ursprünglich für den Tagebau Hambach ausgewiesenen Abbaugebiet; ab 2015 wurden seine Bewohner: innen im Rahmen der Braunkohle-Umsiedlung schrittweise in den Neubauort Morschenich-Neu umgesiedelt, bevor der beschleunigte Kohleausstieg die Abbaggerung stoppte. Heute liegt das nahezu leere Dorf am Rand des stillgelegten Tagebaus Hambach. Was wie eine verlassene Siedlung wirkt, wird als Reallabor genutzt. Gemeinsam mit ehemaligen Bewohner: innen, Studierenden und lokalen Initiativen erprobt Försters Team, wie neue Formen des Zusammenlebens und der Arbeit entstehen können. Alte Scheunen werden zu Ateliers, Vorgärten zu Begegnungszonen, der Dorfplatz zu einem Lernort. Die Leitfrage: Wie kann aus einem Ort des Verlustes ein Ort des Aufbruchs werden? Morschenich-Alt zeigt, dass Transformation kein Bruch, sondern ein Aushandlungsprozess zwischen Vergangenheit und Zukunft, Besitz und Beziehung ist. . .

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