Agency in Biosphere | Re:House

Was passiert, wenn Architektur nicht beim Entwurf beginnt, sondern beim vorhandenen Material. Wenn Planung zur Suche wird und Gestaltung zur Konsequenz. Das Re:House zeigt, wie radikal anders Umbau gedacht werden kann, wenn ökologische Verantwortung nicht Zusatz, sondern Ausgangspunkt ist. Ein Wohnprojekt, das Bestand nicht optimiert, sondern ernst nimmt und daraus eine neue architektonische Logik entwickelt.
Auf dem Grundstück eines Einfamilienhauses aus den 1950er Jahren wurde der Bestand erhalten, umfassend saniert und durch einen zusätzlichen Baukörper ergänzt. Der begrenzte Raum wurde nicht maximiert, sondern neu interpretiert. Ziel war es, zeitgemäßes Wohnen zu ermöglichen, ohne zusätzlichen Boden zu versiegeln und ohne den gewohnten reflexhaften Griff zu neuen Materialien. Über sechzig Prozent der eingesetzten Baustoffe stammen aus ReUse Quellen im Umkreis von fünfzehn Kilometern oder direkt von der Baustelle selbst. Lehm, Holz und Altziegel wurden vor Ort gewonnen, geprüft und wieder eingesetzt.
Der ökologische Anspruch ging dabei weit über Materialfragen hinaus. Sämtliche baulichen Entscheidungen folgten dem Anergie Prinzip, das mit minimalem Energieeinsatz lokale Ressourcen aktiviert. Architektur wird hier als langfristiger Prozess verstanden, nicht als kurzfristige Setzung.

Entwerfen von hinten gedacht
„Konsequente Zirkularität verändert den Entwurfsprozess sehr stark“, sagt Markus Jeschaunig. „Man muss im wahrsten Sinn von hinten beginnen zu entwerfen.“ Erst wenn klar ist, welche Bauteile verfügbar sind, lassen sich Konstruktion, Öffnungen und Materialität festlegen. Der Architekt wird dabei weniger zum Gestalter standardisierter Lösungen, sondern zum ökologisch bewussten Logistiker. Gebäude werden als urbane Mine gedacht, mit lösbaren Verbindungen, ohne Verklebungen, mit Blick auf den späteren Rückbau.
Eine nahegelegene Industriebrache einer ehemaligen Ziegelfabrik lieferte einen Großteil der Ziegel für Dach, Fassade und Innenräume. Weitere Materialien stammen aus Abbruchprojekten in Graz, darunter ein kompletter Holzdachstuhl, Glasbausteine sowie Mahagoni Wandvertäfelungen, Parkett, Sanitärkeramik und Kupferdachrinnen aus der ehemaligen Vorklinik. Diese Materialien bringen Patina, Geschichte und handwerkliche Qualität mit und reduzieren gleichzeitig den CO₂ Ausstoß erheblich.

Urban Mining als gelebte Praxis: Wiederverwendete Ziegel, Holz und Bauteile aus dem lokalen Umfeld werden im Re:House zu tragenden Elementen und zeigen, wie vorhandene Ressourcen zur Grundlage zeitgemäßer Architektur werden.
Neue Ästhetik aus Verantwortung
Die Vielzahl heterogener Bauteile führte zu einer eigenständigen, ortsspezifischen Ästhetik. „Eine elegante und moderne Form der Bricolage“, die das Wiederverwenden nicht versteckt, sondern sichtbar macht. Der Entwurf reagierte flexibel auf Materialverfügbarkeiten und erforderte gestalterischen Einfallsreichtum. Gerade dort, wo Unterschiede in Geometrie oder Zustand erst beim Einbau sichtbar wurden, entstanden Räume mit besonderer Atmosphäre.
Kork, Lehm, Ziegel und Holz altern sichtbar. „Uns gefällt der Gedanke, das Haus und seine Bewohner als Organismus zu sehen“, so Jeschaunig. Alterung ist hier kein Mangel, sondern Teil des Konzepts.
Das Re:House versteht sich als Demonstrationsbau. Nicht als Blaupause, sondern als Einladung. Es zeigt, dass ressourcenschonendes Bauen möglich ist, wenn Planung früh ansetzt, Verantwortung übernimmt und Gestaltung als Teil eines größeren ökologischen Zusammenhangs begreift. Weniger Neubau, mehr Transformation. Nicht als Ausnahme, sondern als neue Normalität.
