Architekti Šebo Lichý, Studio ROAR | Besucher:innenzentrum – ehemalige Apotheke „Am Roten Flusskrebs“

Muss sich ein neuer Einbau in einem historischen Innenraum harmonisch in seine Umgebung einfügen? Oder ist eine hochwertige zeitgenössische Architektur, die in einigen Jahrzehnten durch ihre Patina selbst zur Geschichte wird, die bessere Variante? Diese und ähnliche Fragen wirft die Restaurierung einer ehemaligen Apotheke am Eingang zur mittelalterlichen Altstadt von Bratislava auf.
Die seit 1953 vom Stadtmuseum als Ausstellungsraum genutzte ehemalige Apotheke „Am Roten Flusskrebs“ befindet sich im Bereich des einstigen Stadtgrabens neben dem barocken Michaelertor – dem einzigen erhaltenen Turm der historischen Befestigungsanlagen Bratislavas, die 1775 auf Befehl Maria Theresias größtenteils abgerissen wurden. Die Motivation für den Umbau war pragmatischer Natur: Der ebenfalls zum Stadtmuseum gehörende Michaelertorturm wurde kürzlich renoviert, und das Museum benötigte einen neuen Standort für den Ticketverkauf sowie das Besucher:innenzentrum. Die Adaption der ehemaligen Apotheke an ihre neuen Aufgaben stellte eine komplexe Herausforderung dar, bei der Denkmalschutz, zeitgenössische Architektur und die Anforderungen des Stadtmuseums aufeinandertrafen. Hinter dem scheinbar kleinen Auftrag steht ein tiefgreifender Wandel in der Stadtverwaltung: Seit 2018, als ein Architekt Bürgermeister von Bratislava wurde, investiert die Stadt gezielter in den öffentlichen Raum und vergibt die meisten Projekte im Rahmen von Wettbewerben. Projekte, die für einen Wettbewerb zu klein sind, gehen über Rahmenverträge an bewährte Büros – in diesem Fall an Architekti Šebo Lichý, die das jüngere Büro ROAR hinzuzogen.

Mehr als nur ein Ticketbüro
Dass das Museum ein neues Besucher:innenzentrum brauchte, war eine fixe Vorgabe. Doch den Architekt: innen stand es frei, weitere Nutzungsmöglichkeiten für den Raum zu erkunden. Der erste Schritt bestand darin, vorhandene, unpassende Umbauten zu beseitigen. Anschließend ging es darum, ein Gleichgewicht zwischen dem historischen Charakter des Gebäudes und heutigen Nutzungsanforderungen herzustellen. Das Ergebnis ist nicht bloß ein Ticketschalter, sondern ein vielschichtiger Raum, der ein Informationszentrum, eine kleine Ausstellungsfläche, einen Souvenirladen sowie Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen vereint. Die Besucher:innen betreten das Gebäude durch eine relativ dunkle ehemalige Offizin – den Hauptraum der früheren Apotheke, in dem Arzneimittel hergestellt und an die Kund:innen verkauft wurden. Hier kommt der historische Charakter des Gebäudes deutlich zum Ausdruck. Die Offizin wird von einem barocken Deckenfresko und schwarz-goldenen Möbeln im Empire-Stil dominiert. In der Raumabfolge präsentiert sich der Innenbereich dann graduell heller und erhält eine zeitgemäßere Atmosphäre. In den hinteren Zimmern befinden sich ein Shop und eine Ausstellung zur Geschichte Bratislavas, deren Mittelpunkt ein mit Licht- und Soundelementen erweitertes Stadtmodell aus dem 15. Jahrhundert bildet. Die Schau dient zudem als Ersatz für die Ausstellung im Michaelertor für Menschen, die diese wegen Mobilitätseinschränkungen nicht besuchen können.
Eine Oase für Einheimische
Auch ein Café wurde angedacht, das enger mit dem angrenzenden Garten im ehemaligen Burggraben verbunden sein sollte. Seit den 1960er-Jahren als „Lesegarten am Roten Flusskrebs“ bekannt, dient er im Sommer als Ort zum Lesen, für kulturelle Veranstaltungen und als öffentlicher Kräutergarten. Ein solches Café hätte jedoch umfangreichere Eingriffe an der Fassade erfordert, die die Denkmalschutzbehörde nicht genehmigt hätte. . .
Jetzt Heft bestellen und weiterlesen!
Der ganzen Beitrag gibt es in unserer neuen Ausgabe von architektur.aktuell 7-8/2026 zu lesen.
