Zwischen Bewegung und Entschleunigung⁠

Balissat Kaçani und Jann Erhard | Haus bei Wien, Pfaffstätten, Österreich⁠

Wie lässt sich Wohnen im Wiener Speckgürtel denken, wo die Nähe zu Infrastruktur, eklektische Nachbarschaften und der Wunsch nach Privatheit aufeinanderprallen? Wo Züge vorbeiziehen, Straßen und historische Schichten die Umgebung prägen? Das Haus in Baden, entworfen vom Schweizer Büro Balissat Kaçani zusammen mit Jann Erhard, gibt darauf eine unerwartete Antwort.⁠


Das Projekt versucht nicht, die Gegensätze des Kontexts zu nivellieren, sondern macht sie zum Ausgangspunkt eines Entwurfs, der Ruhe erzeugt, ohne Stille zu erzwingen, und Großzügigkeit ermöglicht, ohne sich preiszugeben. Es ist eine Architektur der Spannung, die zwischen Bewegung und Entschleunigung vermittelt. Das Gebäude setzt sich an den äußersten Rand der Parzelle, direkt neben die Gleise der Badner Bahn. Dort wird das Volumen selbst zu Schutz und Filter. Die massive Hülle aus 55 Zentimetern Dämmbeton, durchsetzt mit Blähton, wirkt sowohl thermisch als auch akustisch. Nach außen streng und klar, nach innen offen und komplex. Beton ist hier nicht Verkleidung, sondern Ausdruck. Die Oberfläche bleibt roh, offenporig, sichtbar geformt. Gießnähte und Kanten sind sichtbar und Teil des Ausdrucks. Der Prozess ist als Architektursprache ablesbar.

Großzügige Fensterflächen verbinden den rauen Innenraum mit dem Garten als stille Kompositionen zwischen Rückzug und Außenwelt.

Räume in Abfolge

Die Gliederung folgt einer klaren Logik. Die Gartenmauer durchdringt das Volumen und markiert eine Schwelle, die innen und außen verzahnt. Zur Gartenseite öffnet sich ein hoher Raum, der sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckt. Auf der Gleisseite reihen sich sechs gleich große Räume, die durch unterschiedliche Geschoße und Raumhöhen differenziert werden: das niedrige Bad mit 2,15 Metern, die großzügige Küche mit 3,10 Metern, das Atelier und die privaten Schlafräume unter dem geneigten Dach. Zwei ineinander verschränkte und voneinander getrennte Treppen erzeugen Übergänge und Abfolgen. Hier entsteht eine subtile Flexibilität: Gäste, Arbeit und zukünftige Nutzungsmöglichkeiten werden integriert, ohne dass die strenge Ordnung verloren geht. Der Kontrast zwischen Hart und Weich prägt das Innere. Stauräume und Technik verschwinden hinter Stoffbahnen. Mit Vorhängen versehene Fixverglasungen öffnen den Blick nach außen, ohne Lärm hereinzulassen. Französische Fenster verbinden Innen- und Außenraum und ermöglichen Lüftung, Sichtbeziehungen sowie Offenheit zugleich. Die Fensterrahmen, von außen sichtbar als definierende Linie, verschwinden nach innen nahezu komplett. So rahmen sie gezielt den Außenraum, sei es ein Baum, den Garten oder die vorbeirollende Badner Bahn, und verwandeln ihn in eine bewusste Komposition. Nischen in den Wänden im Inneren schaffen zusätzlich Platz für einen Esstisch in der Küche, eine Garderobe im Eingangsbereich oder Raum für einen Arbeitsplatz.

Struktur, Energie und Prozess

Die massive, dicke Gebäudehülle ist zugleich Energiespeicher. Beton trägt, filtert und speichert. Versorgungslinien für Heizung, Kühlung, Strom, Kamin und Wasser verlaufen versteckt in der Masse, ergänzt durch eine Wärmepumpe und Solarpaneele auf der Garage. Das Haus zeigt, wie Substanz, Nutzung und Energie in einem einzigen, rationalen System verschränkt werden können. Über allem spannt sich ein zierliches Metalldach, das den Raum mühelos abschließt. Unter ihm entfaltet sich ein Raumgefüge, das robust, zurückhaltend und dennoch präsent ist. Die Architektur bleibt als Prozess lesbar. Die Spuren des Machens sind sichtbar, nichts wird kaschiert. Die Architektur vermittelt zwischen infrastruktureller Härte und privatem Rückzug. Jede Raumfolge, jede Treppenverschneidung und jede Wandstärke ist Ergebnis einer Typologie, die nicht symbolisch, sondern funktional und atmosphärisch arbeitet. Hier zeigt sich, dass diese Architektur mehr als nur das Gebäude ist: Sie setzt Kontext, Nutzung und Materialität in Beziehung und lässt die Freiheit zu, diese Spannungen aktiv zu erleben. . .


Jetzt Heft bestellen und weiterlesen!

Der ganzen Beitrag gibt es in unserer neuen Ausgabe von architektur.aktuell 10-11/2026 zu lesen.

Das könnte Sie auch interessieren