Wenn das Stadion zum Wohnzimmer wird

bernardo bader architekten | Reichshofstadion, Lustenau, Österreich

Gemütlichkeit statt Gewalt und Gebrüll: Das Reichshofstadion in Lustenau, geplant von bernardo bader architekten in Zusammenarbeit mit Walter Angonese und dem Ingenieurbüro GBD, ist ein schönes Umdenken von Klischees und Atmosphären.

Auf den ersten Blick sind die 40 Meter hohen Eckpylonen – als hätte ein Riese vier gigantische Betonpflöcke in den Erdboden gerammt – eine Mischung aus Fremdkörper, Wahrzeichen und Orientierungshilfe in diesem niemals enden wollenden Einfamilienhaus- Siedlungsteppich namens Lustenau. Je näher man kommt, je eher man in die Schützengartenstraße eingebogen ist, je weniger Schritte noch zu gehen sind, ehe man den Haupteingang erreicht hat, desto größer wird die visuell-emotionale Ambivalenz aus Begeisterung und irgendwie eiskalter Befremdlichkeit. „Interessanter Aspekt! Finden Sie wirklich?“, fragt Matthias Kastl, Projektleiter und Mitarbeiter bei bernardo bader architekten. „Wir waren in der Tat die einzigen Wettbewerbs-Teilnehmer, die die Flutlichtanlage nicht nur als technische Infrastruktur, sondern auch als Skulptur interpretiert und gestaltet haben. Wenn wir schon so einen niedrigen Baukörper haben, wenn wir aus Rücksicht auf die angrenzende Wohnbebauung mit neun Metern Bauhöhe limitiert sind, dann müssen wir die uns zur Verfügung stehende Volumetrie ausnutzen und dem kleinen Stadion eine gewisse öffentliche Wirksamkeit geben. Unser Bild war: Wir schlagen – wie früher als Buben beim Fußballspielen – vier Pflöcke ein, um ein Spielfeld zu markieren.“

© bernado bader architekten

Stadion mit neuer Dichte

Den Anfang nimmt das Projekt 2018, als die Entscheidung fällt, die zum Teil provisorischen Tribünen zu entfernen und für die Neubebauung des Areals, auf dem schon seit den 1950er-Jahren Fußball gespielt wird, einen EU-weiten Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren auszuschreiben. Aus den rund 20 Entwürfen wird das Kooperationsprojekt von bernardo bader architekten, Walter Angonese und dem Dornbirner Ingenieurbüro GBD mit dem ersten Platz gekürt. Von 2023 bis 2025 bekommt das Reichshofstadion – die Bezeichnung „Reichshof Lustenoua“ geht auf das 9. Jahrhundert zurück – auf diese Weise ein neues Gesicht. Am 19. Juli 2025 fand das Eröffnungsspiel zwischen dem FC Augsburg und dem FC Austria Lustenau statt. „Früher war die Spielstätte für 8.000 Zuschauer: innen zugelassen“, sagt Kastl, „aber das war viel zu viel und ließ das Stadion, selbst wenn es gut besucht war, immer halb leer wirken. Im Zuge der Neubebauung wurde das Limit auf 5.500 Menschen herabgesetzt, was nun eine gewisse Dichte und Lebendigkeit erzeugt.“ Die bestehende Westtribüne, gerade mal 100 Meter vom Rhein und somit von der Staatsgrenze entfernt, blieb erhalten und wurde dem Neubau quasi einverleibt. An den drei anderen Seiten bekam das Stadion eine komplett neue Gestaltung in Beton, Holz und Glas. Zudem wurden im Norden ein Clubhaus in Holzbauweise und ein niederschwelliges Austria- Dorf mit Spaß, Gastronomie und grün-weiß gestreiften Fan-Artikeln errichtet. Das stilistische Durcheinander tut dem Vorplatz und der auf den ersten Blick streng wirkenden Sportstätte irgendwie gut.

Dribbeln mit dem Material

Sobald man den kantigen, perfekt detaillierten Betonsockel, in dem Stufen, Türbreite und Böschungswinkel volumetrisch millimetergenau aufeinander abgestimmt wurden, passiert hat, eröffnet sich plötzlich eine komplett neue Fußballwelt, in der die zum Teil abweisende Ästhetik auf einen Schlag in eine warme Wohnzimmer-Gemütlichkeit umschlägt. Rund um die 80 mal 40 Meter große Spielfläche – die nun mit einer Rasenheizung ausgestattet und wie ein flaches Walmdach neu modelliert wurde, damit das Wasser bei Regen keine Pfützen bildet, sondern mit einem halben Prozent Gefälle abfließen kann – sind dreiseitig Holztribünen arrangiert, die das Geschehen wie eine hölzerne Schatulle, wie ein rundum mit hellem Holz ausgekleideter Humidor, umschließen. . .

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