Die Dramaturgie eines offenen Systems

Dietrich Untertrifaller | Festspielhaus Bregenz Mehrzweckgebäude, Bregenz, Österreich

Auf zwei vertäuten Schotterschiffen fand vor 80 Jahren das erste „Spiel auf dem See“ statt. Vor 30 Jahren begann die bauliche Entwicklung des Areals vom Bregenzer Festspielhaus zu einem multifunktionalen Konferenz- und Veranstaltungszentrum. Wie hat sich die Identität dieses komplexen Organismus über alle Erweiterungen hinweg erhalten und gleichzeitig zu einem architektonischen Bühnenstück mit äußerst spannenden Charakteren entwickelt?

Geht man mit Architekt Much Untertrifaller durch das Festspielhaus, beginnt der Rundgang nicht an der Vordertür. Im Gegenteil, der repräsentative Haupteingang zum Platz, die Foyers mit imposantem Seeblick, die Festspiellounge mit den teuersten Plätzen für das Sommerspektakel oder die eleganten, holzverkleideten Säle kommen erst ganz am Ende dran. Um dieses Haus zu verstehen, ist es wesentlich erkenntnisreicher, es von seinem Rückgrat aus zu erkunden: einer 110 Meter langen Röhre in 15 Meter Höhe, die von der Landseite schräg zum See führt. Nur auf drei Punkten liegt das Stahltragwerk mit eingeschobener Holzkonstruktion auf, das die interne Hauptlogistikachse der Anlage bildet und so hoch oben „schwebt“, dass sich die riesigen Bühnenbilder darunter hindurch zwischen dem Ursprungsgebäude und der neuen Probebühne hin- und herschieben lassen und es zugleich als spektakulärer Künstler:innenzugang taugt. Der kluge Einfall dieser technoiden Gangway war der Knackpunkt beim Wettbewerb für die Erweiterung des Festspielhauses 1992, den Helmut Dietrich und Much Untertrifaller gewonnen hatten, woraufhin sie in Bregenz ein gemeinsames Büro gründeten. „Ein Lotto-Sechser, so ein Projekt direkt vor der Haustür“ – und ein enorm spannender Prozess für das Büro, das heute mit acht Standorten und 170 Mitarbeitenden weltweit Projekte realisiert, inzwischen mit den neuen Partnern Dominik Philipp und Patrick Stremler und seit 2024 ohne den ausgeschiedenen Helmut Dietrich.

Organismus statt Solitär

„Das ist keine Großform, die aus jeder Ecke fotogen ist. Diesen Ort muss man begreifen“, stellt Much Untertrifaller klar. Immer wieder ging es in den Bauphasen 1995–97, 2005–06 und 2022–25 um die Balance zwischen der Individualität jedes Baukörpers und der Integration in das Gesamtkonglomerat. „Wir haben jeden Baustein des Areals über seine eigene Charakteristik entwickelt. Jeden lassen wir eine andere Geschichte erzählen“, beschreibt Untertrifaller den Prozess. Diese Geschichten zeigen sich in der Bauweise, der Materialität, den Proportionen, den Bezügen zur Umgebung: Die Werkstattbühne ist eine flexibel bespielbare Blackbox, das kleine Seestudio nimmt mit seiner Holzverschalung Bezug auf die benachbarten Strandbäder, einzelne Säle wirken wie holzgefütterte Schatullen. . .


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