Gefasste Leere⁠

Edoardo Tresoldi | Raumbildende Skulpturen⁠

Zunächst nur ein vages Flimmern in der Ferne, eine fragile Erscheinung im Sichtfeld, kaum greifbar. Was sich am Horizont abzeichnet, oszilliert zwischen Immaterialität und Präsenz, eine Silhouette aus Licht, gezeichnet in den Raum. Die Form wird erst allmählich erfassbar, wie ein optisches Trugbild, das sich nicht in Volumen verdichtet, sondern in unzählige Linien zerfällt. Erst mit wachsender Nähe verwandelt sich der Eindruck in ein raumgreifendes Erlebnis.⁠

Text: Laura Frediani | Fotos: Glauco Canalis, Roberto Conte⁠


Der Kontext, zuvor diffus und offen, wird subtil von einer durchlässigen Struktur gefasst. Es entsteht kein Innenraum im klassischen Sinn, sondern eine Schwelle, die Außen- und Innenwelten miteinander verwebt. Luft, Geräusche und Bewegung bleiben durchlässig. Dennoch entwickelt sich ein Gefühl von Ort, von gebauter Gegenwart. Die Skulptur des italienischen Künstlers Edoardo Tresoldi avanciert zu einem eindrucksvollen Resonanzraum. Diese Erfahrung beruht nicht auf Zufall, sondern auf einem minutiösen Dialog mit dem Ort. In Tresoldis Arbeiten spiegeln sich klare Bezüge zur Architektur wider, während sein gestalterischer Ansatz durch bemerkenswerte Offenheit besticht, die aus der bewussten Loslösung vom akademischen Kanon und einer intuitiven Annäherung an den Raum erwächst. Seine Werke erzählen von einer sensiblen Auseinandersetzung mit dem Genius Loci. Es entsteht kein fremdes Objekt, sondern ein durchdachtes Gefüge aus Licht, Struktur und Geschichte.

Räumliche Zeichnungen aus Draht Im Zentrum steht die Linie. Ist sie in der Architektur ein oft nur anfänglich genutztes Instrument, wird sie bei Tresoldi zur substanziellen Materie. Seine Skulpturen sind keine Darstellungen von Volumen, sondern räumlich real gewordene Zeichnungen. Raster aus industriell gefertigtem Draht, präzise geometrisch gefügt, erzeugen Raum nicht durch Masse, sondern durch Transparenz und gezielte Addition. Es ist die Abwesenheit von Material und der dadurch geschaffene Raum, die zum Ausdruck kommen. Der Künstler bindet das Himmelszelt unmittelbar in seine Konstruktionen ein und verleiht dem Unendlichen so eine fassbare Gestalt. In der Tradition sakraler Architektur wurde der Himmel oft als illusionistische Malerei auf Gewölben dargestellt – ein Versuch, das Transzendente sichtbar zu machen. Tresoldi hingegen ordnet das Unendliche durch ein filigranes Drahtgitter, das nicht verschließt, sondern öffnet. Es umrahmt die Weite, ohne sie zu begrenzen.

 

Im Zentrum steht die Linie. Ist sie in der Architektur ein oft nur anfänglich genutztes Instrument, wird sie bei Tresoldi zur substanziellen Materie.

Ordnung durch Offenheit Das modulare System seiner Gitterstruktur beruht auf einer strengen Geometrie, einem repetitiven Koordinatennetz, das dennoch alles andere als monoton wirkt. Durch serielle Wiederholung entsteht eine ästhetische Sprache der Durchlässigkeit. Diese tektonische Rationalität verweist auf ein verborgenes Ordnungssystem, eine Anatomie des Raumes, innere Prinzipien des Lebendigen und Strukturen, die das Sichtbare tragen. Die Landschaft wird nicht geformt, sondern gespiegelt, nicht beherrscht, sondern reflektiert. Diese Haltung verlangt ein tiefes Verständnis von Kontextualität und die Bereitschaft, das Terrain als aktiven Mitgestalter zu akzeptieren. Es ist ein Akt räumlicher Zurückhaltung, eine Geste der Bescheidenheit. Edoardo Tresoldi, in der Peripherie von Mailand geboren, zog nach seinem Kunststudium nach Rom und arbeitete zunächst in den Bereichen Skulptur, Bühnenbild und Film. Sein Architekturstudium brach er nach drei Monaten ab, doch geblieben ist das Interesse am Raum. Diese interdisziplinäre Praxis schärfte seinen Blick für das Räumliche und förderte eine experimentelle Annäherung an gebaute Hüllen.

Transparenz als Sprache Mit seiner Arbeit erkundet Tresoldi die Poetik des Dialogs zwischen Menschen und Landschaft. Er nutzt architektonische Sprache als Ausdrucksmittel und Schlüssel zur Lesbarkeit von Raum. Durch die Transparenz seiner Drahtskulpturen gelingt ihm ein Dialog zwischen Kunst und Umwelt, eine visuelle Synthese, die sich im Auflösen physischer Grenzen manifestiert. Seit 2013 entstehen Tresoldis raumgreifende Installationen an öffentlichen Orten, archäologischen Stätten, Festivals und Ausstellungen weltweit. Besonders eindrucksvoll war 2016 seine Rekonstruktion der frühchristlichen Basilika von Siponto, die eine einzigartige Verbindung zeitgenössischer Kunst mit Archäologie schafft. Mit großer Leichtigkeit begegnet seine preisgekrönte Arbeit der inhaltlichen und materiellen Schwere des Bestands. Die historische Substanz bleibt vollständig erkennbar, während die Durchlässigkeit des Drahtgitters die Ruine nicht überdeckt, sondern in ihrer Fragmenthaftigkeit hervorhebt. Der Übergang zwischen Alt und Neu bleibt dabei klar erkennbar, die Eingriffsgrenze sichtbar, ohne künstlich zu wirken...


Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 7-8/2025. Der Volltext ist ab Seite 48 zu finden.

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