etal. | Mehrgenerationenhaus Görzer Straße, München, Deutschland

Ein Robustes Haus Experimentelle Wohnungsbauten sind selten, gerade in einer Stadt wie München mit ihren immens hohen Bodenpreisen. Umso erstaunlicher, wenn es sich dabei um das Erstlingswerk eines jungen Architekturbüros handelt. Trotzdem ist es Gesche Bengtsson, Elena Masla und Zora Syren von etal. gelungen, hier ein kostengünstiges Mehrgenerationenhaus für eine Baugruppe zu verwirklichen. Das Gebäude bietet ein flexibles Nutzungskonzept mit frei zuschaltbaren Räumen, die durch ihre rohe Materialität wirken. Gleichzeitig ist das Haus ein Beispiel dafür, wie sich partizipative Architektur konkret umsetzen lässt.
Text: Alexander Russ | Fotos: Federico Farinatti, Pablo Lauf
Zukunftsfähige Räume Im Münchner Stadtteil Ramersdorf/Perlach hat das junge Architekturbüro etal. einen ungewöhnlichen Wohnungsbau entworfen. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein nutzungsflexibles Mehrgenerationenhaus in Holzskelettbauweise aus vorgefertigten Elementen. Die Bauherr:innenschaft ist Teil des Mietshäuser Syndikats, einem bundesweiten Verbund aus selbständigen und selbstverwalteten Hausprojekten. Da die einzelnen Wohnhäuser oft als Verein organisiert sind, treten die zukünftigen Bewohner:innen meist als Baugruppe auf. Das war auch in München der Fall. Hier wollte man einen langfristig bezahlbaren und selbstverwalteten Mietwohnraum schaffen, der zusätzlich eine zukunftsfähige Architektur für unterschiedliche Lebensentwürfe bietet. Deshalb bestand eine der Vorgaben der Bauherr:innen darin, möglichst gleich große, frei zuschaltbare Räume zu entwerfen. Als Antwort lieferten die drei Architektinnen eine einfache, aber prägnante Grundstruktur, mit der sich nun verschiedene Wohnmodelle verwirklichen lassen.
Architektur als Dialog etal., das sind Gesche Bengtsson, Elena Masla und Zora Syren. Die drei lernten sich während des Studiums an der Bauhaus Universität in Weimar kennen. Nachdem sie in verschiedenen Städten und Architekturbüros gearbeitet hatten, gründeten sie 2021 ihr Büro in München und realisierten mit dem Mehrgenerationenhaus das erste eigene Projekt. Der Name etal. leitet sich vom lateinischen „et al.“ ab, was sich mit „und andere“ übersetzen lässt. Er drückt eine Bürophilosophie aus, bei der die Architektur im Austausch entstehen soll. Das Mehrgenerationenhaus veranschaulicht diesen Ansatz geradezu exemplarisch, wie Gesche Bengtsson erläutert: „Im gessamten Prozess haben wir nicht nur die Rolle von Architektinnen eingenommen, sondern auch von Moderatorinnen, Vermittlerinnen und Advokatinnen. Das war herausfordernd, weil wir den Vorgaben der Baugruppe und gleichzeitig unseren eigenen gestalterischen Ansprüchen gerecht werden wollten. So etwas funktioniert nur durch einen guten Dialog und mit viel Vertrauen. Das war ein Lernprozess für beide Seiten, der aber schlussendlich funktioniert hat.“ Das Mehrgenerationenhaus befindet sich in einer heterogenen Nachbarschaft. Viele Bauten sind Einfamilien- und Reihenhäuser. Die etwas unförmig anmutende Kubatur ergab sich aus der möglichst hohen Grundstücksausnutzung und den verschiedenen Abstandsflächen. Um das gedrungen wirkende Volumen abzumildern, setzten die Architektinnen spezielle Maßnahmen: Beispiele sind das leicht abgedrehte Treppenhaus, das den Hauseingang betont und die Fassade gliedert, oder die über Eck platzierten Fenster. Hinzu kommen eine geschossweise gestülpte Schalung aus Fichtenholz und prägnante Elemente wie der grün gestrichene Sonnenschutz, der mit einem leicht aufgefalteten Stahltrapezblech als Wetterschutz überdeckt ist. Weitere Beispiele sind die Absturzsicherungen mit integrierter Blumenkastenhalterung oder der schachbrettartig geflieste Sockel, der einen spielerischen Kontrast zur Holzfassade bildet. Alle Elemente haben eine rohe Anmutung, was im Innern seine Fortsetzung findet: Hier prägen sichtbar belassene Brettschichtholzdecken und ein durchlaufender Bodenbelag aus geschliffenem und geöltem Zementestrich die flexiblen und barrierefreien Wohneinheiten.

Im gesamten Prozess haben wir nicht nur die Rolle von Architektinnen eingenommen, sondern auch von Moderatorinnen, Vermittlerinnen und Advokatinnen.
Robuste Architektur In dem dreigeschossigen Bau befindet sich auf jedem Stockwerk eine sogenannte Clusterwohnung. Sie setzt sich aus sieben Zimmern mit jeweils etwa 18 Quadratmetern zusammen, die um eine Diele und den Kern für das Bad angeordnet sind. Hinzu kommen ein Mehrzweckraum im Erdgeschoss sowie ein Waschraum mit Fahrrad- und Holzwerkstatt im Untergeschoss. Um eine flexible Nutzung der Clusterwohnungen zu ermöglichen, wurden die Wasseranschlüsse so platziert, dass sechs der sieben Zimmer als Küche genutzt werden können. Mit Hilfe von Sollbruchstellen aus Stürzen und Schwellen lassen sich Räume zusammenschalten oder trennen. Damit das funktioniert, wurden die Innenwände mit einem entsprechend hohen Schallschutz ausgeführt. „Das Konzept des flexiblen Bauens ist ja nicht neu. Wir haben versucht, die Flexibilität ein Stück weit abzubilden. Wichtig war uns, dass man an jedem Bauteil erkennen kann, wozu es eigentlich da ist. Ein Beispiel sind die sichtbaren Türstürze. Dank ihrer wissen zukünftige Bewohner:innen, wo man die Durchbrüche für die Türen machen kann“, erklärt Elena Masla. Auch sonst legten die Architektinnen Wert auf praktische und einfache Lösungen. So verzichteten sie etwa auf eine Leitungsführung in den mit Zellulose und Holzwolle gedämmten Außenwänden, um Kosten zu sparen. Das Sparrendach wurde als offene Konstruktion in allen Wohnräumen des Dachgeschosses sichtbar belassen. Hinzu kommen einfache Details wie der außenliegende, hölzerne Sonnenschutz. Sie sollen den Bewohner:innen die Möglichkeit geben, Instandhaltung und Reparaturen selbst vorzunehmen. Zora Syren erzählt: „Wir bezeichnen das Projekt oft als robustes Haus. Das liegt einerseits an der flexiblen Struktur, die zukünftige Grundrissänderungen ermöglicht. Anderseits sollen die Materialität und die Konstruktion mit ihren einfachen technischen Lösungen dafür sorgen, dass die Bewohner:innen das Haus lange nutzen können.“
Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 7-8/2025. Der Volltext ist ab Seite 102 zu finden.

