Ein Zuhause der Zugehörigkeit

gaupenraub +/- | VinziRast am Land, Alland, Österreich

Architektur kann als Ort Übergänge schaffen, wo Brüche entstanden sind, und Räume öffnen, in denen Zugehörigkeit wieder möglich wird. Nicht durch große Gesten, sondern durch Aufmerksamkeit, Haltung und Zeit. Das Projekt VinziRast am Land von gaupenraub +/- ist ein solcher Ort und wurde dafür auch mit einem der international höchstdotierten Architekturpreise – dem Ammodo Architecture Award – ausgezeichnet.

VinziRast am Land ist kein Projekt, das aus einem architektonischen Programm heraus entstanden ist. Am Anfang stand vielmehr eine soziale Beobachtung: Viele obdachlose Menschen in Wien stammen aus umliegenden ländlichen Regionen. Wenn dort familiäre oder nachbarschaftliche Netzwerke abbrechen, der soziale Halt verloren geht, bietet die Stadt einen möglichen Neuanfang. Es gibt eine bessere Infrastruktur, diverse Hilfsangebote, Hoffnung auf Arbeit und soziale Stabilität. Zurück bleibt jedoch eine Sehnsucht nach Landschaft, nach Überschaubarkeit, nach einem Ort, an dem Zugehörigkeit wieder möglich wird. VinziRast am Land ist der Versuch, genau hier anzusetzen. Räumlich, sozial und architektonisch.

Subtraktion als architektonische Haltung

Der Ort selbst ist von Brüchen geprägt. Das ehemalige Hotel Hanner in Mayerling, einst Bühne gehobener Gastronomie, stand jahrelang leer. Es war ein Haus im Stillstand, zu groß, zu luxuriös gedacht, überlagert von Verkleidungen, falschen Materialien und vor sich hin gewachsenen Umbauten. Für das Architekturbüro gaupenraub+/- stellte sich damit weniger die Frage nach einer neuen Form als nach einer architektonischen Haltung: Wie kann ein Gebäude, das ursprünglich für Repräsentation und Abschottung gebaut wurde, um eine wohlhabende Klientel zu beherbergen, Menschen ein Zuhause bieten, die zuvor auf der Straße gelebt haben? Die Antwort lag im Umgang mit dem Bestand: Alles Unechte wurde entfernt. Abgehängte Decken, Blendfassaden, unpassende Materialien. Was blieb, war die Substanz. Durch das Freilegen entstanden neue räumliche Zusammenhänge, klare Übergänge, lesbare Strukturen. Die gemeinsam mit der Bauherrin, der Vizenzgemeinschaft St. Stephan, entwickelte Architektur wurde hier nicht additiv gedacht, sondern subtraktiv als Voraussetzung für Aneignung und Alltag.

Normalität statt Sichtbarkeit

Heute ist VinziRast am Land ein Ort mit vielen gleichzeitigen Nutzungen. Menschen, die ehemals wohnungslos waren, leben hier dauerhaft. Ehrenamtliche und Hauptamtliche arbeiten vor Ort, Gäste übernachten, Pilger:innen machen Halt, Seminare werden abgehalten und der Hofladen bietet hauseigene landwirtschaftliche Produkte an. Diese programmatische Vielfalt ist kein Widerspruch, sondern ein zentrales architektonisches Motiv. Das Projekt lebt sowohl räumlich als auch sozial von seiner Hybridität. . .

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Der ganzen Beitrag gibt es in unserer neuen Ausgabe von architektur.aktuell 1-2/2026 zu lesen.

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