Das Leuchten der Energiewende

Graber Pulver Architekt:innen | Energiezentrale Josefstrasse, Zürich

Ein zentraler Hebel zur Emissionsreduktion liegt im Austausch veralteter Heizsysteme in Wohnbauten. Doch was tun, wenn die urbane Dichte keine Wärmepumpen erlaubt? Eine mögliche Antwort veranschaulicht in Zürich die Energiezentrale Josefstrasse von Graber Pulver Architekt:innen, die eher wie ein Museum als ein Kraftwerk wirkt. Nur der Kamin verrät ihre Funktion – so wird die Energiewende sichtbar.

Text: Klara Jörg | Fotos: Georg Aerni


Neue Räume für Netto-Null-Städte Das neue Wohnquartier Josef-Areal befindet sich mitten in einem Transformationsprozess. Herzstück des ehemaligen Industriestandorts war die riesige Müllverwertungsanlage, seit 1904 in Betrieb und die älteste ihrer Art in Zürich. Um das Ziel der stadtweiten Energieversorgung frei von Treibhausgas-Emissionen bis im Jahr 2040 zu erreichen, wird der Umbau zu einem zentralen Baustein der Dekarbonisierung Zürichs. Der erneuerte Energieknotenpunkt bereitet Fernwärmeenergie aus Biomasse und Abfall auf und speichert diese, bevor die umliegenden Haushalte davon profitieren. Bedarfsspitzen werden heute noch mit Gas, bald aber mit fossilfreien synthetischen Brennstoffen ausgeglichen, berichtet die Inhaberin Energie Recycling Zürich (ERZ). So sollen in den kommenden Jahren 60 Prozent des städtischen Siedlungsgebiets Zürichs vom Fernwärmenetz erschlossen werden und eine Abkehr vom Verbrauch fossiler Brennstoffe (drei Viertel der Bauten der Stadt werden aktuell noch damit beheizt) soll ermöglicht werden. Das erklärte Ziel: die Netto-Null-Stadt.

Die Gebäudefläche wurde auf ein Viertel reduziert, die Volumetrie gar auf ein Achtel. Während des Umbaus nagte Europas größter Rückbaubagger an den Bestandswänden der ehemals monströsen Anlage. ©Georg Aerni

Die Fassade aus mehrschichtigem Gussglas macht die innere Logik der Energiezentrale auch nach außen ablesbar. ©Georg Aerni

Das Interesse an nachhaltiger Energieproduktion, kombiniert mit städtebaulichen Themen, Maßstabsfragen und komplexen, aber rohen Bauaufgaben war bei Graber Pulver schon seit jeher groß. ©Georg Aerni

Ein neuer Stadtbaustein Nicht nur im Tausch des Energieträgers, auch räumlich manifestiert sich der Umbau: Die Gebäudefläche wurde auf ein Viertel reduziert, die Volumetrie gar auf ein Achtel. Während des Umbaus nagte Europas größter Rückbaubagger an den Bestandswänden der ehemals monströsen Anlage. Der Kamin blieb für den Spitzenausgleich stehen, zu seinen Füßen planten die Architekt:innen von Graber Pulver mit Projektleiterin Simone Flühmann einen infrastrukturellen Edelrohbau. Während 30 Prozent der Fassade des Schornsteins wegen Flugsicherheitsmaßnahmen von Rot-Weiß-Ringen belegt ist, fügt sich das eigentliche Gebäude trotz seiner Nutzung volumetrisch in seine Umgebung. Es befindet sich am Übergang zwischen dichter Blockrandbebauung, ehemaliger Industrieanlage und den nun von Gastronomie und Kleingewerbe genutzten Viadukt-Bögen. Die Kubatur der Energiezentrale geht auf die Maschinerie darin ein und wirkt so parzellierter, unterschiedliche Transparenzen in der Gebäudehaut schaffen in der Nacht Einblicke ins Innere und ein Lichtspiel an der Fassade. Die dank Rückbau gewonnene Fläche wird derzeit als temporärer Park genutzt. Der alte Falkenhorst für brütende Greifvögel wurde unter dem Gussglasring an der Kaminspitze erneuert – ein Nebeneinander von Infrastruktur und Stadtnatur.

Auskristallisierte Infrastruktur Auch wenn aus heutiger Sicht die nachhaltigen Aspekte wohl noch höher zu gewichten sind, war es vorrangig die verkürzte Bauzeit, die die Inhaberin dazu bewog, einen Umbau mit Kosten in der Höhe von 40 Millionen Schweizer Franken einem Neubau vorzuziehen. Die Transparenz der markanten Fassade entsteht durch ein bis drei Schichten bläulichem Gussglas, teils mit transparenter Wärmedämmung. Die Glasprofile erinnern an klassische Industriebauten und werden von Gurtbändern aus walzblankem Aluminium gehalten, deren Versätze in der Fassade die Stapelung verschiedener Raumanforderungen und Gerätschaften auch nach außen sichtbar machen. Transformatoren, meterhohe Warmwasserbehälter, Lüftungs- und Technikzentrale sowie ein Geflecht von Wärmeleitungen prägen das strenge innere Raster aus alten Betonelementen und neuen Bauteilen aus Beton und Stahl. Der Aufenthaltsraum bildet den einzigen Kontrast: Warm mit Holz und grünem Linoleum gestaltet, dient er dem Wartungsteam.


Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 6/2025. Der Volltext ist ab Seite 58 zu finden.

©Georg Aerni

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter Anmeldung

Wir informieren Sie regelmäßig über Neuigkeiten zu Architektur- und Bauthemen, spannende Projekte sowie aktuelle Veranstaltungen in unserem Newsletter.

Als kleines Dankeschön für Ihre Newsletter-Anmeldung erhalten Sie kostenlos ein architektur.aktuell Special, das Sie nach Bestätigung der Anmeldung als PDF-Dokument herunterladen können.