Der Phönix von Palma

HARQUITECTES | Sozialwohnungen 2104, Palma, Mallorca, Spanien

Dank Wiederverwendung von Abbruchmaterial aus dem Bestandsgebäude für den Bau neuer tragender Wände aus Zyklopenbeton und Marés-Stein sowie Holzdecken, die die Querlüftung und die Gemeinschaftsräume optimieren, ist das Projekt 2104 von HARQUITECTES ein Vorbild für Kreislaufwirtschaft, Dekarbonisierung und gemeinschaftsorientierte Architektur.

Aus architektonischer Sicht geht es in unserem von ökologischen Fragen geprägten Zeitalter nicht um globale Lösungen, sondern darum, den Kontext zu verstehen, in dem man arbeitet. Aus dieser Perspektive nähern wir uns dem Sozialwohnungsprojekt 2104 von HARQUITECTES in Palma. Es wurde 2021 vom IBAVI (Balearisches Wohnungsinstitut, Teil der Regierung der Balearen) begonnen und 2024 fertiggestellt. Das IBAVI betreibt seit mehr als 15 Jahren durch Wettbewerbe und Ausschreibungen ein architekturpolitisches Förderprogramm, um alternative Baumodelle in der Region zu etablieren. Weit davon entfernt, sich auf Theorie, Publikationen, Diskussionsrunden oder das Kuratieren von Ausstellungen über nachhaltige Architektur zu beschränken, liegt die große Bedeutung des IBAVI darin, dass sich sein Engagement in Form von Architektur materialisiert: gebaut und bewohnbar. Das IBAVI setzt politische Maßnahmen, die darauf abzielen, konkrete Probleme der Bevölkerung der Balearen zu lösen: die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft, die Förderung von Langlebigkeit statt geplanter Obsoleszenz, die drastische Reduzierung von CO₂-Emissionen und die Priorisierung der Anpassungsfähigkeit von Gebäuden über ihre gesamte Lebensdauer hinweg. Dieser Ansatz hat eine eigenständige Architektursprache hervorgebracht, die moderne architektonische Konzepte neu interpretiert. Auch bei der Gestaltung der Sozialwohnungen in Palma stehen typologische Innovationen im Vordergrund: flexible, nicht-hierarchische Grundrisse, die konsequent unter Berücksichtigung von Geschlechterperspektiven und familiärer Vielfalt konzipiert wurden und eine zu starke Festlegung der Nutzungsarten vermeiden, um Raum für bessere Formen gemeinschaftlichen Wohnens zu schaffen.

Rohmaterial als Realität

Für HARQUITECTES kommt bei der Projektentwicklung dem Bauprozess ebenso viel Bedeutung zu wie der Materialauswahl. Bei den Sozialwohnungen in Palma war der eigentliche Rohstoff die Umgebung – so unveränderlich sie auch erscheinen mag. Die Architekt:innen machten sie zum Ausgangspunkt des Projekts und eröffneten dadurch eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Sie verfolgen einen experimentellen und gleichzeitig pragmatischen Ansatz, der darauf abzielt, die Disziplin mit einer vom Zusammentreffen klimatischer, politischer und sozialer Krisen geprägten Gegenwart in Einklang zu bringen. Dafür nutzen sie eine vielschichtige Vorgehensweise, die Architektur, Technologie und Ökologie miteinander verknüpft. Ausgangspunkt war ein leer stehendes Gebäude: eine kleine, nicht mehr sanierungsfähige Schule mit Mauern aus Marés-Stein, Betondecken und Keramikfliesen. Anstatt sie abzureißen und zu entsorgen, sah der Entwurf vor, das Abbruchmaterial als tragende Wände des Neubaus zu nutzen. Dieses „Urban Mining“ machte sich die im Bestandsgebäude vorhandenen Ressourcen zunutze und minimierte so den Bedarf an neuen Materialien sowie deren Transport.

Reuse des Bauschutts

Nahezu das gesamte Abbruchmaterial wurde wiederverwertet. Die Keramik- und Betonabfälle (140 Kubikmeter) dienten als Verfüllmaterial für die Fundamentgruben, während der Marés-Stein (160 Kubikmeter) zur Herstellung von 1.700 Zyklopen-Kalkbetonsteinen recycelt wurde. Diese Blöcke, die zu 40 Prozent aus recyceltem Marés-Stein, bis zu 30 Zentimeter großen Steinbrocken, Kies und Sand bestehen, sind ein nachhaltiges, massives und ästhetisch einzigartiges Material. Die vorgefertigten Blöcke wurden zu dicken, tragenden Wänden aufgeschichtet, die senkrecht zur Straße verlaufen und die aus Brettsperrholz bestehenden Decken tragen. Die Reduzierung ihrer Dicke um zehn Zentimeter pro Etage erleichterte die statische Abstützung der Holzbalken, was den gesamten Bauprozess vereinfachte. . .


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