Endlich eine Mitte

Heinz Gerbl | Stadtgarten Oberwart, Oberwart, Österreich

Es ist Sommer, alle Sitzmöglichkeiten sind besetzt. Kinder spielen am Brunnen und fahren Runden mit Rad und Roller. Unter den Kastanien, im Schatten zwischen den Pflanzbereichen mit dichten Gräsern, sieht man konzentriert arbeitende Menschen mit Laptop, Büchern und Notizblöcken. Grüppchen von Eltern picknicken auf den Tischen nahe den Spielplätzen, wo ihre Kinder die neuen Spielgeräte erklimmen.

„Bei dem Projekt wurden außerordentlich viele Bänke vorgesehen“, berichtet Heinz Gerbl, Landschaftsarchitekt des Stadtparks Oberwart, der 2023 zum „Stadtgarten“ umgestaltet wurde. Lediglich der Motorikbereich zur körperlichen Ertüchtigung mit roten Turngeräten, die weite Schatten auf den gelben Gummigranulatboden werfen, steht am Freitagnachmittag frei zur Verfügung. Der Park ist gut genützt, unterschiedliche Altersgruppen verschiedener sozialer Milieus finden hier Platz – definitiv ein Beweis für eine gut angenommene Mitte einer Kleinstadt.

Dem Ortskernsterben entgegenwirken

Mit 70.000 Quadratmetern Einkaufsfläche, deren Großteil am Ortsrand liegt und Shoppingcenter, Fachmarktzentren und Fastfood-Restaurant umfasst, bestehen in der burgenländischen 8.000 Einwohner: innen-Stadt beste Voraussetzungen für Ortskernsterben. Im Zentrum leisten jedoch „unbeugsame Gallier:innen“ Widerstand und sorgen trotz vielem Leerstand für reges Treiben in der Erdgeschosszone: Neben Kaffeehaus, Konditorei, Wirtshaus, Bäckerei und allerlei Imbissen gibt es auch mondäne Lokale mit Aperitivo-Bar und Bagel-Café. Der Wochenmarkt jeden Mittwoch ist gut besucht, der samstägliche Bauern- und Genussmarkt erfreut sich großer Beliebtheit. Die Marktfläche wurde im Zuge der Neuplanung des Stadtgartens zu Recht vergrößert und bildet als breit gepflasterter Vorraum einen urbanen, platzartigen Übergang zur viel befahrenen Wiener Straße. Die Stadtgemeinde Oberwart besitzt kein historisch gewachsenes Zentrum. Aus Konglomeraten an Höfen entwickelte sich eine Marktgemeinde, die städtebaulich heute als Mehrstraßendorf eingeordnet werden kann. Der „Stadtpark“, der in den 1920er-Jahren durch den Verschönerungs- und Gewerbeverein angelegt wurde, liegt zentral an der Hauptverkehrsachse nächst Rathaus, Bezirksgericht und Busbahnhof, wo stündlich Fernverkehrsbusse aus Wien eintrudeln. Hier wurden 1898 wilde Kastanienbäume gepflanzt, in Gedenken an die ermordete Kaiserin Sisi. In den 1960er- Jahren um einen Musikpavillon erweitert, wurde der Stadtpark um die Jahrtausendwende im Zuge einer Neugestaltung zum „Kulturpark“ umgetauft. Trotz ansprechender, aber vielleicht zu urbaner Gestaltung wurde der Park nicht angenommen: Zahlreiche wassergebundene Decken unter den alten Kastanien – vermutlich an die Schönbrunner Schlossalleen angelehnt – und der vorherrschende Eindruck von „Grau“, gepaart mit wenigen Rückzugsorten minderten die Akzeptanz des zentralen Freiraums. 2020 startete die Stadtgemeinde einen Bürger:innenbeteiligungsprozess, bei dem der Wunsch nach mehr Grün deutlich wurde. Heinz Gerbl, der die Initiative ergriff und bei der Stadt mit einem Entwurf für den neuen „Stadtgarten“ vorstellig wurde, wurde mit der Planung beauftragt.

Park für die Vielfalt

Mehr Angebot, mehr Intimität und mehr Begegnungsräume waren Forderungen aus dem Beteiligungsprozess. Ein gartenähnlicher Park, der Teilräume umfasst, jedoch als Ganzes wirken kann, wurde als Zielsetzung definiert. Heinz Gerbl schaffte es, Platz für eine Vielzahl an Nutzer:innengruppen zu finden: Drei Spielplätze für unterschiedliche Altersgruppen, Motorikpark, Hundezone und Urban Gardening sind so situiert, dass Ruhebereiche sowie der Marktbereich nicht beeinträchtigt werden. Im Zentrum des Parks sollte ein Salettl mit einem Parkcafé entstehen. Da sich keine Betreiber:innen fanden, wurde hier nun lediglich ein öffentliches WC mit Snack-Automaten errichtet – für eine spätere Realisierung ist die notwendige Infrastruktur aber bereits vorgesehen. Die über 120 Jahre alten Kastanienbäume wurden erhalten, der Raum unter ihren Kronen breitflächig mit pflegeextensiven Gräsern und Stauden bepflanzt und ein in der Hitze des Sommers kühlender Rückzugsort geschaffen. Dem Kriegerdenkmal, das in den 1920er-Jahren errichtet und seit langem den Gefallenen beider Weltkriege gewidmet ist, wurde ein Platz mit Brunnen und Wasserbecken vorgesetzt. . .

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