Herzog & de Meuron | Kinderspital, Zürich, Schweiz

Das neue Kinderspital Zürich von Herzog & de Meuron ist mehr als ein Akutspital: Es versteht sich als atmosphärisch gestaltetes „Healing Environment“, das medizinische Präzision und räumliche Qualität verbindet. Ein Haus, das den Aufenthalt der jungen Patient:innen prägt, die Heilung unterstützt und eine neue Ära im Krankenhausbau einleitet.
Das Kinderspital schloss sich in Zürich mit sieben weiteren medizinischen Einrichtungen zum Gesundheitscluster Lengg zusammen. Die Architekt:innen von Herzog & de Meuron gewannen 2012 den Wettbewerb für das Akutspital und das dazugehörige Zentrum für Forschung und Lehre des Universitätskinderspitals Zürich, die sie zwischen 2014 und 2024 in zwei verschiedenen Gebäudekubaturen realisierten. Das Kinderspital ist ein sich in die Horizontale ausdehnender, flächiger Betonskelettbau mit Holzfassade. Das Forschungszentrum ist eine abstrakte geometrische Zylinderform, die sich in Betonringen in die Vertikale streckt, unterbrochen durch Terrassen und zurückliegende Glasflächen. Beide Gebäude entstanden zwar im Zuge derselben Beauftragung, folgen jedoch unterschiedlichen architektonischen Sprachen. In dem medizinischen Ensemble des Gesundheitsclusters Lengg, das mit dem neuen Spital eines der modernsten Kinderkrankenhäuser der Welt initiiert, stehen sie unabhängig zueinander, als Solitäre.

Architektur in zwei Ebenen Das Kinderspital ist flächig. Es dehnt sich in seiner Länge über 300 Meter aus und erstreckt sich über drei oberirdische und zwei unterirdische Geschoße. Seine Längsseiten sind konkav gebogen und verleihen so dem quadratischen Gebäudegrundriss eine einla-dende Geste. Entlang seiner Fassade reihen sich im obersten Geschoß die Zimmer der kleinen Patient:in-nen. Verschieden geneigte Pultdächer lassen sie mit kleinen Häusern assoziieren. Durch eine niedrige Ein-gangspassage hindurch erschließt sich das Gebäude in einen lichten Innenhof. Über diesen Innenhof errei-chen die Patient:innen, ihre Eltern und Besucher:innen in der zentralen Eingangshalle den Empfang. Von hier erstreckt sich die Hauptverkehrsachse, entlang der die Organisation und Orientierung im Akut-spital erfolgt, über die gesamte Gebäudelänge. Ihr sind die Innenhöfe und die medizinischen Fachbereiche in Quartieren angegliedert. Im Erdgeschoss erschließt die Hauptachse die Bereiche Cafeteria, Tagesklinik, Polyklinik und Bilddiagnostik bis hin zur Notfallsta-tion. Auch die besonders sensiblen Bereiche wie die Neonatologie, die Intensivpflegestation und der Ope-rationsbereich, liegen im Erdgeschoss. Sie sind zwar entlang der Achse orientiert, werden aber innerhalb ihrer eigenen Quartiersstruktur erschlossen. Medizi-nischer und besuchender Personenverkehr begegnen einander nur teilweise und laufen parallel. Die medizinischen Behandlungen des Akutspitals verlangen nach hoher Präzision. So sind die Abläufe der fast 2.600 Mitarbeitenden streng koordiniert. Das sich in der Fläche ausdehnende Gebäude nutzt deswe-gen kurze Wege über Treppen und Aufzüge und organi-siert die Erschließung jeweils in die Vertikale. Im ersten Obergeschoss folgen auf den medizinischen Fachbe-reich die entsprechenden Büros und Behandlungszim-mer, im zweiten dann die Patient:innenzimmer.

Im Inneren verbinden sich funktionale Anforderungen und atmosphärische Sensibilität mit Blick ins Freie.
Atmosphäre als Teil der Heilung Die architektonische Absichtserklärung des Healing Environment scheint durch die Architekt:innen von Herzog & de Meuron erforscht und definiert. Die Ba-sis des Healing Environment, die medizinisch-funk-tionale Organisationsstruktur, wird überlagert von einem zweiten Layer, der das atmosphärische Wohl-befinden der Patient:innen adressiert. Besucher:in-nen, Licht, Luft, Kunst und der Außenraum werden in das Gebäudeinnere eingeladen. Die Materialität ist funktional und höchsten medizinischen Standards entsprechend und dabei naturbelassen, warm und den menschlichen Sinnen nach orientiert. Diese bei-den Layer stehen in Verschränkung zueinander, zwi-schen medizinischer und architektonischer Expertise. Der erste Layer ist funktional, der zweite kindgerecht und wurde entsprechend der Bedürfniswelt der kleinen Patient:innen entworfen. . .
Jetzt Heft bestellen und weiterlesen!
Der ganzen Beitrag gibt es in unserer neuen Ausgabe von architektur.aktuell 10-11/2026 zu lesen.
