Ein Gebäude als ökologischer Vertrag

Husos arquitecturas + elii [oficina de arquitectura] | Infinito Delicias, Madrid, Spanien

Ökologie ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil des zeitgenössischen Architekturdiskurses geworden. Die Sanierung einer ehemaligen Metallfabrik im Madrider Stadtteil Delicias durch die Architekturbüros Husos + elii ist eines der am gründlichsten durchdachten ökologischen Projekte, die in Spanien in den letzten Jahren realisiert wurden: ein konsequenter Versuch, die sozioökologische Dimension von Architektur sichtbar, umsetzbar und attraktiv zu gestalten.

Infinito Delicias wurde nicht nur als Veranstaltungsort konzipiert, sondern auch, um das zu schaffen, was die Architekt:innen als „Komposition des Wissens“ bezeichnen – Begegnungen zwischen Communitys, die sich sonst nicht denselben Raum teilen würden. Ein Beweis dafür ist, dass 40 Prozent der Gesamtfläche gemeinschaftlich genutzt werden und für die Nachbarschaft zugänglich sind. Doch die Überlegungen beschränken sich nicht auf die Ebene der Menschen: Die Beziehungen zu anderen Spezies folgen derselben Logik wie die kollektive Nutzung. Zum Beispiel in Form von Vogeltränken, Fledermausquartieren und Insektenhotels sowie Dachgärten und „Bauchbalkonen“ an der Fassade, die mit regionalen Stauden bepflanzt und aus einer Zisterne bewässert werden, die bis zu 15 Kubikmeter Regenwasser speichert. Husos und elii stehen für eine Architektur, die sich gegenüber „Anderen“ verpflichtet sieht – Menschen, mehrals- menschlichen Spezies, zukünftigen Generationen, vielfältigen Organismen – „sowohl räumlich als auch zeitlich über mehrere Ebenen hinweg“. Es ist eine genuin ethische Haltung, die versucht, in ihren Gestaltungsentscheidungen die erweiterte Verantwortung von Architektur durch speziesübergreifende Verträge sichtbar zu machen. Architekt Uriel Fogué formuliert es so: „Jeder architektonische Prozess ist Teil einer Reihe ökologischer Verträge und in diese eingebettet, sei es bewusst oder unbewusst.“

 

Materialintelligenz

Die Auswahl aller Materialien basiert bei Infinito Delicias auf streng ökologischen Gesichtspunkten, die Ästhetik ergab sich zwangsläufig. Dem Projekt liegt eine Lebenszyklusanalyse zugrunde, die Bauen als zirkuläres System neu denkt, wobei biologische Materialien wie Kastanienholz, Kork und Kalk sowohl aufgrund ihrer Rückbaubarkeit als auch aufgrund ihrer Umweltverträglichkeit bevorzugt Verwendung fanden: Sie können demontiert, wiederverwendet oder kompostiert werden. Dieselbe Logik bestimmte, was erhalten blieb und was neu gebaut wurde. Die bestehende Struktur wurde so weit wie möglich erhalten, da die in ihr gebundene Energie per se eine Ressource ist; die neue Struktur hingegen versteht sich als ökologisches Vorbild. Ein Beispiel dafür ist die x-förmige Holzverstrebung des Treppenhauses an der Fassade. Sie dient keineswegs nur als Zierde, sondern bringt auf besonders anschauliche Weise den Lastfluss zum Ausdruck, den der Querschnitt durchs Material sichtbar macht. Kork, ob als Spritzguss oder in Form von Pressplatten – von den Architekt:innen als „Material intelligenter Ökologie“ bezeichnet – folgt derselben Logik. Seine poröse, körnige, organische Textur bleibt in den Innenräumen sichtbar und erzeugt eine Ästhetik, die die Materiallogik nicht verdeckt, sondern zur Schau stellt. In diesem Sinne ist jedes Detail ein kosmopolitischer Akt, der ökologische und politische Beziehungen materiell aushandelt. Das Projekt dehnt diese Logik auch auf seinen Kontext aus. Ziel ist eine Energiegemeinschaft mit einer Schule und einem Wohnblock in der Nachbarschaft, in der die durch Geothermie, Luftwärmepumpen und Fotovoltaik erzeugte überschüssige Energie geteilt wird. Auf diese Weise ist Energie nicht länger eine unsichtbare Infrastruktur, sondern wird zu einem Teil der gemeinsam genutzten Lebenswelt. . .


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