Von den Schlachthöfen in die Ausstellungsräume⁠

KWK Promes Robert Konieczny | Plato Contemporary Art Gallery Ostrava, Tschechien⁠

Ein verfallener Schlachthof, eine hart gezeichnete Industriestadt und die Vision, Kunst im Herzen Ostravas sichtbar zu machen: Die Plato City Gallery hat ein Industriedenkmal in einen lebendigen Kulturort verwandelt, ohne seine raue Vergangenheit zu glätten. Ein einzigartiger Umbau, der Denkmalpflege, Architektur und Stadtentwicklung zusammenführt.⁠

Text: Martin Strakoš | Fotos: Jakub Certowicz, Juliusz Sokołowsk


Industrieerbe im Umbruch Seit ihrer Gründung zählt die Plato City Gallery in Ostrava zu den wichtigsten Institutionen für zeitgenössische Kunst in Mitteleuropa. 2022 zog sie in den umgebauten städtischen Schlachthof, ein Projekt, das 2024 Finalist des Mies-van-der-Rohe-Preises war. Für Ostrava, einst ein Zentrum der Schwerindustrie, markiert dies einen Meilenstein im Wandel: Der Steinkohleabbau endete 1994, die Eisenproduktion 1998. Seither prägt die Frage nach der Weiternutzung der Industriegebäude Stadtpolitik und Denkmalschutz. Der städtische Schlachthof entstand im Zentrum der Stadt, nahe der 1871 eröffneten Bahnlinie nach Frýdlant. Der älteste Teil, ein schlichtes Backsteingebäude, stammt aus dem Jahr 1891. 1902–1903 folgte ein neuer Schweineschlachthof nach Plänen von Anton Möller aus Varnsdorf, geprägt von reich gegliederten späthistoristischen Fassaden. 1924–1926 ergänzte der Berliner Architekt Walter Frese einen modernistischen Anbau.

Der ehemalige Schlachthof war einst zentraler Umschlagplatz für Vieh und Fuhrwerke. Heute ist er ein Ort für zeitgenössische Kunst.

1965 wurde der Schlachthof in einen neuen Lebensmittelverarbeitungskomplex im Westen der Stadt verlegt. Der historische Bau, der zunächst noch von städtischen Betrieben genutzt wurde, verfiel zusehends. 1987 kam das Kühlhaus mit seinem Turm unter Denkmalschutz, in den 1990er-Jahren auch die Schweineschlachthalle. Dennoch mussten aus baulichen Gründen Teile abgerissen werden. 1995 veräußerte die Stadt das Gelände mitsamt Denkmalschutzobjekten. Der Käufer, die Baumarktkette Bauhaus, errichtete im Zentrum von Ostrava einen großflächigen Markt, städtebaulich ein Fremdkörper, wie er sonst nur in vom Autoverkehr geprägten Randlagen zu finden ist. Sanierungspläne für die denkmalgeschützten Gebäude verliefen im Sande, und während der Baumarkt florierte, verfiel der Schlachthof weiter.

Die großflächigen Öffnungen, die einst das Schlachthofgebäude durchbrachen, bleiben sichtbar, nicht verschlossen.

 

Konzept der Öffnung Erst mit dem Rückzug des Unternehmens aus Ostrava konnte die Stadt 2016 das Areal zurückkaufen. Neben den historischen Gebäuden erwarb sie auch das Baumarktgebäude, das 2018 zum provisorischen Sitz der Plato City Gallery wurde – ein ungewöhnliches Beispiel für die temporäre Nutzung eines solchen Bauwerks. 2017 lobte die Stadt einen Wettbewerb für den Umbau der denkmalgeschützten Teile aus. Der erste Preisträger, der Prager Architekt Petr Hájek, konnte sich nicht mit der Stadt einigen. Schließlich übernahm Robert Konieczny (KWK Promes, Katowice) das Projekt. Sein drittplatzierter Entwurf setzte auf ein prägnantes Element: Die Außenhaut der Galerie bewahrt die ruinöse, rußgeschwärzte Backsteinfassade als lebendige Erinnerung an Ostravas Industriegeschichte, lediglich ergänzt durch sorgsam patinierte Ziegel, die aus Abbruchmaterial rekonstruiert wurden. Die großflächigen Öffnungen, die einst das Schlachthofgebäude durchbrachen, bleiben sichtbar, nicht verschlossen: Heute werden sie für massive, weiße Tore aus Microzement und Stahl genutzt. Indem sich diese drehen, öffnen sie die Galerieräume, um Kunst buchstäblich hinaus in den Stadtraum zu tragen. Diese „Plombierungen“ nehmen die historische Fassadenstruktur auf und verleihen dem Ensemble eine neue Dynamik, die den starren Denkmalschutzgedanken um eine partizipative Dimension ergänzt...

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