Das spanische Architektenteam Espacio La Nube entwickelt Membranstrukturen, die sich überall aufblasen und Menschen in eine andere Welt eintauchen lassen. Durch die konsequente Umsetzung ihrer Philosophie des leichten Bauens wird der Besuch zu einem architektonischen Abenteuer für alle Sinne.


 

Große Fläche, kleine Kosten

Es braucht etwas Zeit, bis sich das Auge zurechtfindet. Überall schwebt Licht in einem unendlich erscheinenden Raum, ohne Ecken und ohne Schatten. Unter den Füßen knistert die Wüste aus Salz – ein heller Untergrund, der sämtliche Gerüche entfernt. Ein Griff an die sich wölbende Membran verformt den gesamten Raum und lässt erahnen, wie zart die Haut zwischen der stillen, hellen Welt innen und der lauten, bunten Welt außen ist. Espacio La Nube (Wolkenraum) – der Name dieses Architekturbüros ist Programm. Die jungen spanischen Planer haben sich seit einigen Jahren auf die Entwicklung von Membranstrukturen spezialisiert und schieben die Grenzen des aufblasbar Möglichen mit jedem ihrer Projekte weiter hinaus. In ihrer Heimatstadt Madrid wurde ihr erster Entwurf La Nube realisiert, um eine Veranstaltungs- und Schlafstätte für die Architekturkonferenz EASA (European Architecture Student Assembly) zu errichten. Auf die Herausforderung, eine möglichst große Fläche mit kleinstem Budget zu gestalten, antwortete man mit dem bewährten Prinzip der aufblasbaren Architektur.

Unendlicher Raum

Inspiriert wurde das spanische Trio von den aufblasbaren Strukturen der 1970er, wie der Instant City in Ibiza – einem Komplex aus luftgefüllten und menschengroßen Schläuchen in schrillen Farben. Mittels 3D-Software erforschten Hugo Cifre, Alvaro Gomis und Miguel Angel Maure für La Nube neue Geometrien, die als aufblasbare Architektur möglich wären. So entstand eine ringförmige, gewölbte Struktur – ohne Anfang, Ende oder Sackgassen. Durch ihre Kreisform bildete sich in der Mitte auch ein eigener Außenraum – eine Art Patio, der mit Pflanzen bestückt wurde und einen Blick in den freien Himmel gewährt. Aufgrund des Raumprogramms (Schlafstelle und Veranstaltungsbereich) waren zwei verschiedene Raumhöhen innerhalb einer Struktur erforderlich. Daher verbreitet sich der Querschnitt im Bereich der Eingänge, um mehr Platz bieten zu können, wodurch auch das Membrangewölbe an Höhe gewinnt. Für die Stabilität sorgt eine stetige Luftzufuhr, die mithilfe eines eigenen Luftdruck-Sensors überwacht und geregelt werden kann. Speziell bei starken Winden ist eine straffe Membran wichtig, damit die Luft der Struktur nicht wie ein Segel entgegenwirkt, sondern die Ströme über ihre gekrümmte Geometrie abgeleitet werden können.

Architektur Entfalten

Um den verschiedensten Kräften standzuhalten, ist die nur wenige Millimeter dünne Haut als Polyesterfasergewebe mit PVC-Beschichtung ausgeführt. Dieses Material ist im Stande, Sonneneinstrahlung und Wärmeübertragung zu filtern und ein Überhitzen des Inneren wie im Gewächshaus zu vermeiden. Der Zuschnitt der Membranen wird durch Computeranalyse der Geometrie genauestens bestimmt, um eine optimale und materialsparende Anordnung zu gewährleisten. Mit industriellen Nähmaschinen wurden die meterlangen Bahnen zur finalen Form zusammengefügt. Die gesamte genähte Membran, welche eine Fläche von 1000 m2 zu überdachen hat, kann problemlos zusammengelegt und mit einem gewöhnlichen Auto zum nächsten Bauplatz transportiert werden, um dort abermals ihre elegante Geometrie zu entfalten.

Die gesamte Membran kann problemlos zusammengelegt und mit einem Auto zum nächsten Bauplatz transportiert werden.

Arian Lehner

Materielose Passagen

Entlang der Kante zwischen der nach oben gewölbten leichten Membran und der Bodenschicht ist eine umlaufende Bahn eingenäht, in die bis zu 12 Tonnen Sand geschüttet werden kann.  Dieses Gewicht hält die Wolkenstruktur am Boden und leistet Verformungen der Außenlinie Widerstand. Die Bodenschicht ist komplett mit einer dicken Schicht Salz bedeckt. Das Salz nimmt die entstehende Luftfeuchtigkeit auf und reflektiert das helle Licht von außen zurück in den Raum. Auch die Eingänge sollten dem Prinzip der Leichtigkeit folgen. Laut Architekten sind die meisten aufblasbaren Systeme mit einem eigenen Eingangsbereich aus Türen versehen, welche wie ein Klotz an der sonst befreienden und eleganten Membran angebracht sind. Bei La Nube muss aber der Besucher selbst die zarte Haut durchdringen – der Eingang ist lediglich als ein mit zwei segelartigen Elementen verstärkter Schlitz ausgeformt. Beim Betreten entsteht das Gefühl, als schlüpfe man in eine Wolke, während sich die Öffnung durch den Luftdruck scheinbar wieder von selbst schließt.

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