LP architektur | Schneiderei Wimmer in Schleedorf, Salzburg

Maß nehmen

Die Schneiderei Wimmer liegt im Salzburgischen Schleedorf, einer kleinen Gemeinde des nördlichen Flachgaues. Der Umbau von LP architektur zeigt Beispielhaftes für das Verhältnis von gewachsener anonymer Architektur und deren zeitgemäßer Interpretation. In gewisser Weise nimmt dieses Projekt Maß an der Schleedorfer Dorfkirche. Diese brannte im 19. Jahrhundert ab, wurde neogotisch wiederaufgebaut und 1973/74 von Heinz Tesar adaptiert. Er hat eine leicht konkave Empore im Westteil des Kirchleins eingebaut. Nur auf zwei Stützen ruhend ist diese Konstruktion auf den kleinen Kirchenraum zugeschnitten. Schräg gegenüber der Kirche befindet sich in einem jener typischen Flachgauer Mittelflurhäuser seit dem Jahr 1741 die Schneiderei Wimmer. Nur ein einziges Mal hat seither durch eine Heirat der Name der Besitzer gewechselt. Damals kleidete man die Dorfbewohner ein, hatte einige Kühe und ein paar Schweine im Stall stehen, die das nötige Zubrot lieferten. Es reichte zum Überleben, wohlhabend konnte man als Dorfschneider nie werden – man denke nur an Wilhelm Busch. Heute ist „Wimmer schneidert“ einer der führenden Betriebe für hochwertige Trachtenmoden in Salzburg und die Kunden kommen längst nicht mehr nur aus dem Dorf. Der Betrieb ist mit rund 25 Angestellten ein wichtiger regionaler Arbeitgeber. Er bezieht sämtliche Materialien, wie die eigens gewebten und bedruckten Leinen-, Woll- und Seidenstoffe oder das feine Hirschleder von heimischen Lieferanten. Einiges davon kommt aus dem Mühlviertel, anderes aus der Enns-Pongau-Region, lediglich Damenschuhe lässt man in einer italienischen Manufaktur nach eigenen Vorstellungen fertigen. Monika Wimmer, selbst keine gelernte Schneiderin, entwirft die Kollektionen. Sie kennt die historischen Vorbilder, von denen sie sich inspirieren lässt, besitzt aber die notwendige Distanz, sodass ihr die Tradition nicht zur Fessel wird. G’rad so könnte man auch die Entwurfsstrategie von Tom Lechner beschreiben. (...)