Ludescher + Lutz Architekten | Wohnen im Quartier Säge, Hohenems

In Hohenems, einem Ort mit tief verwurzelter Geschichte, positioniert sich ein Wohnbau, der es versteht, die Vergangenheit zu zitieren, ohne ins Nostalgische zu kippen. Auf dem Areal der ehemaligen Wagnerei im Quartier „Säge“ entwarfen Ludescher + Lutz Architekten ein Gebäude, das mit leiser Selbstverständlichkeit die Rolle des Impulsgebers übernimmt. Für seine gelungene architektonische Haltung wurde das Projekt mit dem Hypo Baukulturpreis 2025 ausgezeichnet.
Text Arian Lehner | Fotos: Gustav Willeit
Das Dorf mitten in der Stadt
Vom Schlossplatz aus führt ein Torbogen ins „Dorf“ – eine eigene, dörflich geprägte Welt, nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt, am Zusammenfluss von Ems und Salzbach. Seit dem 16. Jahrhundert wurde hier gearbeitet: Es gab Mühlen, Sägen, Handwerksbetriebe. Heute ist dieser Ort ein lebendiges Archiv mit Potenzial. Die Stadt Hohenems hat sich zum Ziel gesetzt, diese Quartiere, die an die historische Mitte angrenzen, gezielt aufzuwerten. Verkehrsberuhigung, neue Wege, Sichtachsen und sorgsam gesetzte Baukörper sollen das Quartier als identitätsstiftendes Ensemble stärken. In dieser landschaftlich und historisch aufgeladenen Kulisse stand einst eine Wagnerei. Heute nimmt das neue Haus an exakt derselben Stelle Bezug auf deren Silhouette. Die Typologie eines Rheintalhauses mit Satteldach wurde weitergedacht und architektonisch aktualisiert. Architekt Elmar Ludescher spricht davon, die richtige Balance gefunden zu haben: zwischen Ökonomie und einer volumetrischen Geste, die sich ins Quartier einfügt, statt es zu dominieren. Die Bauaufgabe war schlicht – ein Wohnbau mit Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen –, doch das Ergebnis ist alles andere als gewöhnlich.
Architektur als Haltung
Denn: Es ist die Haltung, die den Unterschied macht. Die großzügigen Loggien zur Gartenseite, der breite Dachüberstand, die Verwendung von Holz, die Einbettung in die Umgebung – all das verweist auf eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Ort. Ludescher spricht von „einer Form, die aus der Uniformität herausragt“. Bauherr Markus Schadenbauer nennt es ein Beispiel für die Möglichkeit, auch als Bauträger qualitätsvolle Architektur umzusetzen: „Kein übliches Projekt, kein übliches Umfeld, keine üblichen Antworten.“ Das Gebäude wurde in traditioneller Form errichtet und beherbergt verschieden große Wohnungen. Der Zugang erfolgt barrierefrei über ein geschlossenes Stiegenhaus mit Aufzug, der von der Tiefgarage bis ins zweite Obergeschoss führt. Zur Gartenseite öffnen sich die Wohnungen mit großen, tiefen Loggien – teils sogar mit privaten Hausgärten im Erdgeschoss.

© Gustav Willeit
Entwurf zwischen Varianten und Verantwortung
Die Projektentwicklung umfasste mehrere volumetrische Varianten: Ein kompakter, quadratischer Körper mit Flachdach stand zur Diskussion, ebenso wie eine langgestreckte Typologie. Letztlich setzte sich jene Variante durch, die in Proportion, Haltung und Bezug zur Umgebung am meisten Resonanz erzeugte. Der Entwurf ist keine solitäre Geste, sondern ein fein eingestimmtes Stück im großen Gefüge der Stadtlandschaft. Ludescher + Lutz Architekten verankern ihre Arbeit bewusst im stadträumlichen Kontext: Es geht nicht nur um das Innere des Hauses, sondern auch um seine Wirkung nach außen. Das Haus soll nicht nur den 20 Bewohner:innen dienen, sondern auch jenen 200 Menschen, die täglich daran vorbeigehen. Diese Haltung prägt den Entwurf: Der Vorplatz, die Fassade, die Materialität, alles ist auf ein „Ankommen“ ausgelegt, das sowohl privat als auch öffentlich funktioniert.
Sie möchten weiterlesen? Dieser Beitrag ist Teil unserer Ausgabe 6/2025. Der Volltext ist ab Seite 146 zu finden.

© Gustav Willeit