Ludloff Ludloff – Bildungs- und Begegnungszentrum SOS-Kinderdorf, Berlin

Bildungs- und Begegnungszentrum SOS-Kinderdorf, Berlin

Solitärer Stadtbaustein für eine sozialere Stadt

An einem Nicht-Ort, einem Ort ohne deutliche Struktur und Identität entstand im offenen Herzen Berlins ein bemerkenswertes soziales Gebäude, dessen räumliche Vielfalt und architektonische Gestalt nun viele verblüfft. Das neue Bildungs- und Begegnungszentrum des SOS-Kinderdorf will als anregender Stadtbaustein wahrgenommen werden.

Urbane Potenziale

Stadt besteht nicht nur aus Wohnungen, Büros und Shopping, was sich leicht in allen mehr oder weniger monofunktionalen Quartieren der Gegenwart erkennen lässt. Urbanes Leben geht aus der Begegnung vieler Räume, Funktionen und Menschen verschiedener Schichten hervor, die unterschiedliche Aktivitäten und Möglichkeiten der Aneignung gerade auch über ihre geplante Zwecksetzung hinaus eröffnen. Ein Stadtquartier muss nicht perfekt oder schön beschaffen sein, um urbanes Leben hervorzubringen, wenn es Orte, Räume und Potenziale bietet, sich einzubringen und an der Stadt gleichberechtigt teilzunehmen.

Keinesfalls schön ist jedenfalls das Stadtquartier Lehrter Straße in Berlin mit seinen vielen heterogenen Räumen und Gebäuden, die dort über mehr als 150 Jahre hinweg in eine innerstädtische Peripherie gesetzt wurden. Ehemals vor den Toren der Stadt gelegen, dann nur wenige Hunderte Meter von der Berliner Mauer und heute vom Berliner Hauptbahnhof entfernt entstanden hier im 19. Jahrhundert vor allem Wohnungen für Arbeiter als auch Gefängnisse, Kasernen, Werkstätten und eine Laubenpieperkolonie. Einige dieser Bauten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, was danach Raum für noch mehr Grün eröffnete, das mit einem begrünten Trümmerberg als Stadtpark, Sozialbausiedlungen und Sportanlagen sehr extensiv Verbreitung fand. Spätestens 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer war die Lehrter Straße zu einer innerstädtischen Randlage geworden, die als Teil des sozial schwachen West-Berliner Stadtbezirks Moabit lange Zeit nur Hausbesetzer und Kreative anzog.

Stadtteil im Wandel

Voll bizarrer Gebäude, historischer Brüche und Stadtwildnis weckte erst 2006 der Bau des Berliner Hauptbahnhofs neues Interesse an dieser seltsamen Stadtwelt. Es wurde zum etwas schmuddeligen Pendant zu Berlins derzeit größten Stadtentwicklungsgebiet Europacity, die gerade allzu steril am Entstehen ist. Beiderseits der Bahntrasse wird heute viel gebaut. Doch am südlichen Ende der Lehrter Straße entstand ein Haus, dessen Nutzungen und Architektur mehr als nur ungewöhnlich für Berlins aktuelles Baugeschehen erscheint. Denn dieses Haus ist ganz den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft gewidmet, denen es als Schutzraum wie auch Bühne dienen soll in einer Stadt, die sich aktuell rasant wandelt.

Eine „Botschaft für Kinder“ nennt der Hausherr, die weltweit aktive Organisation „SOS-Kinderdorf“ ihr neues Bildungs- und Begegnungszentrum, dessen vielfältigen Räume und seltsame textile Schuppenhaut nicht nur an Kinder und Eltern adressiert sind, sondern bewusst den Austausch mit der ganzen Stadtöffentlichkeit fördern will. Schließlich vereint das neue Gebäude so unterschiedliche Nutzungen wie ein Ausbildungsrestaurant mit drei schaltbaren Tagungsräumen, eine berufsbildende Schule und den integrativen Hotelfachbetrieb „Rossi“, aber auch viele Beratungs- und Verwaltungsräume.

Ort der Begegnung

„Transparent-leicht-markant-einladend“ wünschte sich die Organisation ihr Haus und so ist es dank des Berliner Architektenpaars Laura Fogarasi-Ludloff und Jens Ludloff auch geworden. Sie gewannen 2012 den Architekturwettbewerb. Für das ungewöhnliche Raumprogramm und Eckgrundstück, einer Stadtbrache, die eigentlich nicht zur Bebauung vorgesehen war, entwickelten sie ein bestechendes Konzept der Vernetzung über Raumspalten und keinesfalls der Separierung der Funktionen. Nahezu rundum verglast öffnet sich ihr Erdgeschoß demonstrativ zum Stadtraum, dessen Restaurant sowohl in der Vertikalen mit einem Patio im Untergeschoß und darüber einer Galerie mit Tagungsbereich sowie in der Horizontalen mit einer Terrasse räumlich sehr vielgestaltig erweitert wurde. Betont schwellenlos, ja fast entgrenzt wirkt hier der Raum als ein Ort der Begegnung und Information. Völlig transparent stellt sich hier etwa die Lehrküche in das Eingangsfoyer ein, um die Lehrlinge aus sozial schwierigen Familien oder mit Handicaps als integrale wie sehr kompetente Mitglieder unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Einer „Promenade Architecturale Verticale“ gleichen auch die weiteren Geschoße, die mit sehr unterschiedlich gestalteten Treppenkörpern oder –häusern aufwarten, deren Oberflächen bewusst immer wieder von glatt zu betont rau wechseln, um unsere Wahrnehmung und Haptik zu wecken. (...)