Entdeckungen unter dem riesigen Waffeldach

MoDusArchitects | Loacker Galaxy, Heinfels, Österreich

Im Gewerbegebiet um Heinfels in Osttirol setzen MoDusArchitects gemeinsam mit ihren Auftraggeber:innen ein farbiges Zeichen. Versteckt hinter einer schlichten Kulisse präsentiert das Innere des neuen Retailshops die Philosophie des Unternehmens Loacker. Es ist eine Geschichte über Produktionsketten, Grandeur und Waffeln, die es von einer kleinen Alpenprovinz in die große weite Welt geschafft haben.

Die Bühne für diese Geschichte ist eine Konditorei in der Altstadt von Bozen. Wir schreiben das Jahr 1925. Konditormeister Alfons Loacker erfindet die Bozner Waffel. Der Rest ist Geschichte: Die Hingabe und Ambition seiner Erb:innen verhalfen dem Gebäck innerhalb weniger Jahrzehnte zum internationalen Durchbruch. Das mittlerweile fix etablierte Unternehmen stand nun vor der Notwendigkeit, über Flagship- Stores Verständnis für sein Produkt und dessen Geschichte zu schaffen. Neben dem Hauptsitz in Unterrinn am Ritten, einem Hochplateau oberhalb von Bozen, wurde 1999 in Heinfels eine zweite Produktionsstätte errichtet, um der Nachfrage nach Waffeln gerecht werden zu können – eine Ortschaft mit knapp 1.000 Einwohner:innen in einem Tal, umrahmt von Bergen. Wer von Osttirol Richtung Italien fährt, kann die Fabrik mit dazugehörigem Store in der scheinbar monotonen Landschaft schnell übersehen: Sie liegt verborgen hinter einem der vielen anonymen Industriegebäude aus schlichten geometrischen Formen im Gewerbegebiet. Nur ein weitläufiger Parkplatz und eine übergroße Packung Waffeln in Rot lassen erahnen, dass hier Einkehr geboten wird. Eine verdunkelte Glasfront, die das Parterre verhüllt, weckt die Neugierde der Besucher:innen.

Ein neues Narrativ

Tritt man ein, wird die Neugier belohnt: In einem weitläufigen Raum präsentiert sich das Unternehmen dem Publikum. Der Raum ist durch die Einrichtung grob in drei Bereiche gegliedert, wobei der Dialog der drei Materialien Stahl, Holz und Glas eine Konstante bildet. Ein gewundener, lang gezogener Stahltresen, hinter dem Fachkräfte die Bestellungen aus der Bar zubereiten, empfängt die Besucher:innen gleich hinter dem Eingang – ein Café am Fließband. Der akribisch blank polierte Stahl könnte auch als Träger für eine Produktionslinie von Waffeln im angrenzenden Gewerbegebäude eingesetzt werden. Neben dem Tresen lädt ein Sitzbereich zum Verweilen ein. Wo früher eine Wand das Café vom Außenraum trennte, reicht heute eine weitläufige Veranda in den Außenbereich hinein. Großzügige Glasfassaden verbinden den Innenraum mit dem Blick auf die umliegenden Alpen, die Heimat der Gründer:innenfamilie. Für MoDusArchitects war das Öffnen der bisher abgekapselten Stores ein wichtiger Teil ihres Projektes. Die Indizien für ein neues Narrativ des Unternehmens fernab des bisherigen, eher klischeebehafteten Storytellings mit Alpen und Zwergen ziehen sich wie ein roter Faden weiter. Holztäfelungen nach Vorbild einer Tiroler Stube stehen sinnbildlich für die Wurzeln von Loacker. Als quaderförmige Elemente schmücken sie die den Glasfronten entgegengesetzten Wände. Das Stubenkonzept hat sich jedoch emanzipiert: Die klassische Holztäfelung aus lokalen Holzarten wie Zirbe, Lärche oder Fichte ist edlem Eichenholz gewichen. Imposant ragen die Holzquader in die Höhe und bedecken mit ruhigen, wiederkehrenden geometrischen Formen auch die Decke: eine interessante Parallele zur Architektur der Renaissance, in der die Höhe der Bauten sowie weitläufige Fassaden den Wohlstand der neuen Bürger:innenschicht repräsentierten.

Eine Galaxie aus Waffeln

Der Shop gegenüber dem Café hat in der Planungsphase laut den Architekt:innen Sandy Attia und Matteo Scagnol die heftigsten Diskussionen ausgelöst. „Wir waren uns bewusst, dass wir vor dem Hintergrund der Projektausschreibung und der bisherigen Philosophie der Loacker-Shops etwas Verrücktes präsentieren. Doch eine zeitgemäße Ästhetik und die verbesserte Steuerbarkeit der Personenflüsse waren für uns die Grundvoraussetzung, um das Projekt umzusetzen.“ Und tatsächlich lassen die raumprägenden, vertrauenserweckenden quadratischen Holzelemente die Decken optisch fast zu Waffeln mutieren. Dahinter die Glasfassaden und das Licht, zwischendrin mobile Stahlträger, die von der Decke hängen. Diese Regale aus scheinbar starrem Stahl schweben über dem Boden und verleihen mit ihrer durchsichtigen Gitterform den Produkten Sichtbarkeit. Ihre Tragstrukturen machen sie in der Ausrichtung drehbar. . .


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