Robuster Bildungsbau als sinnliche Dorfstube

Pedevilla Architects | Bildungszentrum Kössen, Österreich

In der Tiroler Gemeinde Kössen haben Pedevilla Architects einen Bildungsbau errichtet, der gerade in seiner reduzierten Robustheit Material, Haptik und Sinnlichkeit betont und mit Passion für das Handwerk Ortsbezüge ohne Folklore herstellt.

Fährt man von Kufstein in den nordöstlichsten Teil Tirols, begegnet man nicht selten noch den großen, stattlichen Bauernhäusern, schwer in der Landschaft sitzend, mit hölzernem Oberstock, breiten Satteldächern und markanten Balkonen, die für das Unterinntal typisch sind. Besonders fallen hier und da die farbigen Verzierungen an Stützen, Dachbalken und Fensterläden auf, leuchtend gelb, rot oder türkis, und auch die teils vollflächig in Farbe gestrichenen Holzfassaden. Pedevilla Architects haben für das neue Bildungszentrum in Kössen einige Anleihen bei diesen traditionellen Höfen genommen. Der höhengestaffelte Baukörper, der Volksschule, Hort, Kindergarten und Kinderkrippe unter einem Dach vereint und die bestehende Turnhalle integriert, schließt den Dorfkern nach Norden hin ab und schmiegt sich dicht an den dahinter aufsteigenden bewaldeten Hang, mit dem er, je nach Jahreszeit, farblich beinahe verschmilzt. Der markante Solitär strahlt eine bullige Trutzigkeit aus. Behäbig sitzt er da und könnte von Weitem betrachtet auch ein Gewerbebau sein, was im ersten Moment überrascht. Beim Näherkommen fällt es aber leicht, sich mit der bodenständigen Robustheit dieses Hauses anzufreunden, besonders wenn die vielfältigen Details zum Vorschein kommen, die einen sensiblen Ortsbezug ohne Folklore herstellen.

Weißtanne, Kalkputz mit Ziegelzusatz und sorgfältige Details prägen die warme, haptische Atmosphäre der Innenräume.

Bäuerliche Farbakzente

Was zuerst ins Auge fällt, ist der über dem Eingang ins weit auskragende Vordach „gestickte“ Schriftzug, eine Neuinterpretation des traditionellen Kreuzstichs, der die Nutzer:innen hier mit Vertrautheit empfängt und als Orientierungssystem durch das gesamte Gebäude führt. Schmale Rücksprünge an den Geschossdecken gliedern den Baukörper horizontal. Schräge Vordächer sitzen wie ausgeklappte Markisen oder hölzerne Augenlider über den Fenstern. An den Seitenund Untersichten blitzt es sonnengelb und rostrot hervor – ganz ähnlich wie bei den traditionellen bäuerlichen Bauten der Umgebung. Daran erinnert auch die grün lasierte Fichtenfassade, die der Betonkonstruktion vorgesetzt ist. Der Massivbau habe gegenüber einem reinen Holzbau einige Vorteile, so die Architekten, und Nachhaltigkeit entstehe nicht zuletzt auch durch Wertigkeit und emotionale Bedeutung eines Gebäudes, das man über lange Zeit erhalten möchte. Die Frage des geeigneten Baumaterials für die Zukunft könnte man nicht nur anhand dieses, sondern auch anhand vieler anderer zeitgenössischer Architekturbeispiele diskutieren – und sollte das angesichts des enormen Beitrags der Bauindustrie zu den globalen CO2- Emissionen auch dringend tun. 

Lebendigkeit und Sinneshaptik

An der Eingangstür schlagen Maßstab und Atmosphäre dieses Hauses endgültig um. Der runde, samtig- haptische Türgriff aus verkohltem Apfelbaumholz und die abstrahiert-geometrischen Kreuzstichmotive könnten auch zu einem Wirtshaus gehören. Tatsächlich fühlt man sich willkommen in den warmen, geerdeten Innenräumen, die Geborgenheit und Wertschätzung ausstrahlen. Zwei Materialien prägen hier die Stimmung: Weißtanne, die unbehandelt mit gebürsteter Oberfläche eingesetzt wurde, und ein traditioneller Kalkputz, der durch Zusätze von Ziegelabfall einen braunrosa Farbton erhielt. Die Oberfläche dieses Recyclingprodukts wurde so veredelt, dass keine zusätzliche Feinputzschicht notwendig war. Die mal ledrige, mal raue Haptik lädt zum Berühren ein und regt die Sinne an. Dieses Haus darf altern und Patina entwickeln, es ist lebendig und weckt Neugierde, es erlaubt, eine Beziehung zum Raum einzugehen – und kann damit vieles, was Schule können sollte. . .

 

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