In der Ruhe liegt die Kraft

Pittino & Ortner | Bücherdepot der Universität Wien, Österreich

Wenn man am Bahnhof Siemensstraße in Wien-Floridsdorf aus dem Zug aussteigt, richtet sich der Blick auf fahrende Autos, parkende Autos, dichten Baustellenverkehr und darauf, was dieser bereits an groß gemeinten Gesten in Beton und Glas hervorgebracht hat. Eine Menge an Menschen muss hier zugange sein, die Präsenz von Lebensmittelhandel und Fitnessgewerbe deutet darauf hin. Am Rande dieses noch recht ruppigen, im Umbruch stehenden Quartiers erhebt sich – in seiner Andersartigkeit einfach zu finden – das Bücherdepot der Universität Wien, geplant von Pittino & Ortner.

Die Geschichte seines Neubaus ist unbeschadet der gelassenen Anmutung ihres Ergebnisses voll von Dynamik, Innovationsgeist und Risikofreude. Denn der seit dem Vorjahr laufende Umbau der Bibliothek im historischen Hauptgebäude der Universität Wien am Ring – ebenfalls seitens der Bundesimmobiliengesellschaft BIG als Bauherrinnenschaft verantwortet – erforderte die rechtzeitige Übersiedlung aller bis dato dort untergebrachten Bücher und bedingte einen straffen Zeitplan. Zwölf Monate Zeit für die Planung und zwölf Monate Bauzeit, um einen Speicher für rund drei Millionen Bücher zu errichten, waren für die BIG wie für Pittino & Ortner eine Herausforderung, die durch professionelle, von gegenseitigem Vertrauen getragene Zusammenarbeit gemeistert werden konnte. Dazu kamen neben dem Auftrag zum sparsamen Wirtschaften hohe Standards im verantwortungsvollen Einsatz von Ressourcen in Errichtung und Betrieb, eine für lange Zeiträume gesicherte Funktionstüchtigkeit und nicht zuletzt das Bekenntnis zur Baukultur, das unter den genannten Zwängen nicht preisgegeben wurde. Weder der Zeitdruck noch die auf den ersten Blick kaum prickelnde Aufgabe, ein fensterloses Bücherlager ohne Publikumsverkehr an einem entlegenen Ort zu errichten, haben die BIG davon abgehalten, den Planungsauftrag über einen Architekturwettbewerb zu vergeben. Mit ihrer regen Beteiligung hat die Architekt: innenschaft die Vielfalt von Denkmöglichkeiten für einen „reinen Zweckbau“, wie ihn der Volksmund nennt, aufgefächert. Als Siegerbüro des Wettbewerbes hat Pittino & Ortner das Versprechen eingelöst, dass Architektur mehr erfüllt als bloße Funktion. 

© Hertha Hurnaus

Es funktioniert

Dennoch liegen die täglichen Abläufe – das Lagern, Finden, Ausfolgen und erneute Einlagern von Büchern auf kleinstmöglichem Raum unter größtmöglicher Schonung aller Ressourcen – dem Entwurf unmittelbar zugrunde. Zehn manuell bedienbare Rollregale mit einem Gesamtgewicht von 50 Tonnen werden über einem annähernd quadratischen Grundriss zu einem Grundmodul zusammengefasst. Durch das Zusammenschieben der Regale benötigen die Bücherbestände der Universität Wien und der anderen im Depot eingemieteten universitären und wissenschaftlichen Einrichtungen im Vergleich zu einer Festregalaufstellung nur einen Bruchteil des Raumes. Das Grundmodul gibt den statisch und wirtschaftlich optimierten Raster des Stahlbetonskeletts vor. Dieses bildet einen fünfgeschossigen Baukörper, der durch ein weit zurückgesetztes Dachgeschoss ergänzt wird und im Sinne der Nachhaltigkeit von einer Holzriegelwand mit hinterlüfteter, vorgehängter Blechfassade umhüllt ist. Tragkonstruktion und Hülle haben durch einen hohen Grad an Vorfertigung zur Verkürzung der Bauzeit beigetragen. Zwei Stiegenhauskerne liegen an der mittleren der drei Längsachsen, erschließen die vier Depotgeschosse und halten die internen Wege kurz. . .

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