Edward Hoppers Reise nach Südtirol

raumdrei architekten | Gasthaus Dreiviertelweg Deutschnofen, Italien

Südtirol ist ein Land mit Bergen, Wäldern, Schluchten – und einem Hauch Wehmut. Denn wo spontane Gastfreundschaft einst zum Alltag gehörte, hat sich heute Overtourism breitgemacht. raumdrei architekten fangen den historischen Zeitgeist jedoch mit viel Gespür ein und halten ihn in der Sanierung des Gasthofs Dreiviertelweg fest. Der revitalisierte Altbau lädt mit einem Mix aus Kontrastfarben, einer Glasveranda und altem Mobiliar strapazierte digitale Nomad:innen zum Entschleunigen ein.

Der Weg zum Gasthof verläuft über eine idyllische Landstraße und ist vielversprechend. Umrahmt von sattgrüner Gebirgs-Vegetation, präsentiert sich das Haus äußerlich, wie eine Wirtschaft aus dem 19. Jahrhundert im südlichen Tirol aussehen muss. Das Krüppelwalmdach des Altbaus ist ein Indiz für ländlichen Pragmatismus, in dem Ansprüche an Wetterstabilität, Wohnraum und Ästhetik vereint werden. Ins Auge stechen sofort die komplementären Farbtöne. Die grünen Fensterrahmen und roten Fensterläden sind typisch für die Gegend und bilden einen markanten Kontrast zu den cremefarbenen Außenwänden. Eingebettet in eine Art natürliches Amphitheater präsentiert das Gebäude die Sicht auf das Südtiroler Überetsch und die Bergketten ringsum: die Dörfer Eppan und Kaltern an der Weinstraße, dahinter der Mendelzug und die Brenta-Gruppe, die Ortler-Alpen und der südliche Rand der Ötztaler Alpen. Die Geschichte des Hauses beginnt im vorletzten Jahrhundert: 1896 wurde der erste Grundstein für den Gasthof gelegt, seit 1920 ist er im Besitz der Familie Munter. Ehemals fanden hier Pilger:innen auf ihrer Wanderschaft nach Maria Weißenstein fromme Einkehr, später wurde das Lokal zum beliebten Treffpunkt.

Widerstand gegen das Alpenklischee

Das Urlaubs-Idyll scheint bei dieser Beschreibung vollkommen. Doch so mancher Gast wird sich beim ersten Anblick des Gebäudes fragen: Wo ist der Gasthof? Denn der touristisch geprägte Blick wird hier von unkonventionellen Details irritiert. Die Umgebung ist nicht perfekt aufgeräumt, der Rasen ist nicht kurz geschoren, und von manchen Fensterläden bröckelt die Farbe. Kurzum, es ist nicht Disneyland. Vielmehr will das Objekt mit uns in einen Dialog treten, uns Geschichten erzählen und fordert unsere Aufmerksamkeit. Ein bemerkenswerter und unerwarteter Anblick in einem Land, das jahrzehntelang die pflegeleichte Optik von Alpenklischees zur Orthodoxie gemacht hat. Ein Abbruch kam für Bauherrin Nadia Munter nie in Frage. Das Haus ist für sie ein Erinnerungsort an ihre Kindheit und an die Sommerfrische in den Bergen. Im Konzept sollten die Ruhe und die Verbundenheit mit der Natur, die dieser Ort ausstrahlt, zur Geltung kommen. Der Bau mit seinem einfachen Grundriss trug vieles in sich, auf das das Team von raumdrei architekten – im wahrsten Sinne des Wortes – bauen konnte. Da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, hatten sie in der Planung freie Hand. Gekonnt wurde genug des Bestehenden übriggelassen, überflüssige Zubauten, die über die Jahrzehnte entstanden waren und den Kern verhüllten, wurden hingegen abgerissen. Die Grundfrage war, was überhaupt zum ehemaligen Gasthof dazukommen darf. . .

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