Eckiger Tanz auf internationalem Parkett

Schulz und Schulz Architekten | Deutsche Botschaft Wien, Österreich

Der Neubau der Deutschen Botschaft in Wien von Schulz und Schulz Architekten (Leipzig) bemüht sich, den hohen Sicherheitsanforderungen eine internationale Eleganz abzutrotzen und dem Gastgeberland entgegenzukommen: ein Luftgeschoss, eine schwungvolle Wendeltreppe, Naturstein aus Kärnten. Doch trotz alldem überwiegt eine gewisse teu- tonische Schwere, Solidität und Steifheit. Immerhin macht das die Botschaft zum wohl deutschesten Gebäude in Wien.


Das Wiener Botschaftsviertel ist ein Ort der nervösen Nachbarschaften. Hier, wo Parzellengrenzen Nationengrenzen symbolisieren, dominieren Zäune, Mauern, Kameras, Wachposten und Absperrungen den Raum zwischen den stattlichen Gründerzeitbauten. Mittendrin und als einzige nicht direkt an der Straße gelegen, das Areal der deutschen Botschaft, in angespannter Lage zwischen den Vertretungen Chinas und Russlands. Der große Park mit seinen stattlichen Platanen besteht bis heute, doch das deutsche Botschaftsgebäude selbst hat mehrere Inkarnationen erlebt. Die erste Vertretung errichtete das deutsche Kaiserreich 1877 im Renaissancestil, nach der Zerstörung folgte 1962–64 ein Neubau nach dem Entwurf von Rolf Gutbrod. Ein exzellentes Stück moderater Moderne, mit der sich die junge Bundesrepublik in angemessener Bescheidenheit präsentierte, geläutert vom Albert- Speer-Gigantismus der Nazizeit. Wie viele Botschaftsarchitekten der Nachkriegszeit – Johannes Krahn in Neu-Delhi, Egon Eiermann in Washington und Hans Scharoun in Brasília – verschob auch Gutbrod den Schwerpunkt vom Repräsentativen zum Administrativen. Dunkle Quarzitplatten, feingliedrige Holzgitter, die Farbgebung in Anthrazit, Dunkelgrün und Braun mehr rheinisch-landschaftlich als austriakisch-barock. Ab den 1990er-Jahren wurde es für die Beschäftigten jedoch enger, da die ständige Vertretung Deutschlands bei der OSZE an derselben Adresse Platz finden musste. Die Residenz des Botschafters bzw. der Botschafterin wurde nach Hietzing ausgegliedert. 2007 schrieb das zuständige Bauministerium in Berlin einen Wettbewerb zur Sanierung des Gebäudes aus, dann kam die Kehrtwende. Ab 2014 wurde das sanierungsbedürftige Gebäude geräumt. Neben der aufwändigen Sanierung gaben die funktionalen Bedürfnisse den Ausschlag. Mit 380.000 deutschen Staatsbürger:innen in Österreich, davon 85.000 in Wien, ist das Besucher: innenaufkommen enorm. Vor allem war die Einheit von Kanzlei, Residenz und Wohnbereich an einer Adresse gewünscht.

Luftige Beletage

2015 wurde ein erneuter Wettbewerb für einen kompletten Neubau ausgeschrieben, der die Frage beantworten sollte, wie sich die Berliner Republik des 21. Jahrhunderts architektonisch darstellen will. Der Gewinner-Entwurf von Schulz und Schulz Architekten aus Leipzig orientiert sich mit seinem L-förmigen Baukörper am Vorgängerbau und setzt den Kanzleibereich über den Trakt der Empfangsräume, auskragend über einer großen Terrasse, die sich als luftige Beletage zum Park öffnet. Der fünfgeschossige Wohnbereich der Residenz, die Terrassen abgeschirmt gegenüber der russischen Nachbarschaft, setzt einen vertikalen Akzent an der Ecke zur Reisnerstraße. Bei Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse hielt sich die Begeisterung in Grenzen (der damalige AzWDirektor Dietmar Steiner sprach gar von einer „banalen Hütte“). Im Frühjahr 2025 wurde der Bau bezogen, im Oktober nun offiziell eröffnet. Fast zehn Jahre sind seit dem Wettbewerb vergangen – doch das Ergebnis entspricht dem damaligen Rendering fast pixelgenau. Das Beletage-Luftgeschoss bietet volle Eyecatcher- Qualitäten und konterkariert die Schwere der Gesamtkubatur. Allerdings lässt die mit fugenloser Konsequenz durchgezogene Fassade aus Kärntner Marmor, die auch die Untersicht der auskragenden Bauteile bedeckt, diese Leichtigkeit wieder zu Boden sinken. Sie verleiht dem Bau eine gewisse preußische Schwere, die an die neuen Ministeriumsbauten der Nullerjahre in Hans Stimmanns steinernem Berlin erinnert.

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