Gebäude

Im alten Berliner Zeitungsviertel entstand mit dem neuen Verlagshaus der alternativen Zeitung TAZ ein programmatisches Gebäude: Seine Ästhetik, Energieeffizienz sowie Nutzungsflexibilität verblüffen. Das Schweizer Architekturbüro E2A setzte bei ihm einmal mehr auf integrale Konstruktion und benutzerfreundliches Low-Tech.

Kreatives Finanzierungsmodell

Lebendig, aber auch voller Widersprüche ist das Quartier am südlichen Ende der Friedrichstraße im Zentrum Berlins. Einst das Zeitungsviertel Deutschlands, dann nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit nur ein weites Brachland mit vielen Ruinen, mischen sich heute dort die verschiedensten Szenen der Stadt. Einst Kerngebiet der Internationalen Bau-Ausstellung der 1980er Jahre, die hier vor allem auf sozialen Wohnungsbau setzte, befindet sich das Gebiet erneut im Umbruch nun zu einem Hotspot der Kreativszene mit vielen Galerien, Restaurants und nicht zuletzt dem neuen „Kreativquartier am ehemaligen Blumengroßmarkt“.

Das besondere Bauprogramm dieses Modellquartiers, das ganz auf partizipative Planung und neue urbane Mischungen von Arbeits- und Wohnwelten setzte, bewegte denn auch die linksalternative Tageszeitung TAZ, hier ein Bauprojekt zu wagen und mit einem neuen Verlagshaus die Nordwestecke des Quartiers zu besetzen – mit 7.627 m2 Bruttogeschossfläche doppelt so groß wie das alte Domizil. Die in der Vergangenheit stets prekäre Zeitung entwickelte dafür ein eigenwiliges Finanzierungsmodell mit stillen Darlehenseinlagen ihrer genossenschaftlichen Mitglieder und Fördermitteln des Landes Berlin. 

Gebäude

Aus einem Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren ging 2014 das Zürcher Architekturbüro E2A als Sieger hervor, das interessanterweise wenige Jahre zuvor bereits die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen in Berlin gebaut hatte.
 

Das TAZ-Projekt solle der Idee digitaler und sozialer Netzwerke konstruktiven Ausdruck verleihen – mit allen Freiheiten der Nutzung und Aneignung.

Claus Käpplinger

 

Die Sprache digitaler Netzwerke

Den Ausschlag für die beiden Brüder Wim und Piet Eckert von E2A gaben vor allem ihre kompakte Nutzungs- und Energiekonzepte, welche die Absolventen der ETH Zürich und einstigen Mitarbeiter von OMA über Effizienzzahlen hinaus recht luzide intellektuell zu begründen verstehen. Im Falle der TAZ bemühten Wim und Piet Eckert den frühen sowjetischen Konstruktivismus und den Radioturm von Wladimir Schuchow in Moskau als ein leicht nachvollziehbares Erklärungsmodell. Wie der berühmte Turm mit diagonalem Stabtragwerk einst dem neuen Nachrichtenmedium Radio erstmals architektonischen Ausdruck verliehen habe, so versuche ihr TAZ-Projekt nun der Idee digitaler und sozialer Netzwerke konstruktiven Ausdruck zu verleihen – mit allen Freiheiten der Nutzung und Aneignung.

Dafür entwickelten E2A das TAZ-Verlagshaus konsequent aus einem Betontragwerk, einer Struktur vorgefertigter, markant schräg stehender Stützen entlang der Außenseiten des Hauses, auf denen nun alle Unterzüge und Decken aufliegen. Völlig stützenfreie Innenräume wurden damit möglich, die in drei, recht verschiedene Raumzonen gegliedert sind. Die erste Raumzone, ein schlanker Studioflügel mit eher kleinen Raumeinheiten verläuft entlang einer Brandwand an der Friedrichstrasse. 

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Die zweite Zone nehmen der etwas zurückgesetzte Eingang mit den beiden Treppenanlagen im Haus und Hof sowie einer begehbaren Dachterrasse als zentrale Kommunikationsbereiche aller Redaktionen ein. Die dritte Zone entlang des Besselparks im Norden ist dagegen in Form offener Plattformen konzipiert, die viele Variationen unterschiedlichster Arbeitsformen und Kommunikationsräume zulassen. Dort befinden sich im Erdgeschoß nun das TAZ-Restaurant wie auch ein flexibel zuschaltbarer vermietbarer Konferenzbereich und ganz oben noch ein faszinierend doppelgeschossiger Panoramaraum. Von letzterem lässt es sich nun gut auf die Berliner Stadtlandschaft und den alten Gegenspieler der TAZ, den konservativen Medienkonzern Springer blicken, der nur 800 Meter entfernt mit Rem Koolhaas sein neues Springer-Forum baut.

Architekt

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