Veselinovic-Resetarits-Gmeiner-Haferl: Dynamische Karosserie – architektur.aktuell

Pro Jahr werden in der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau 250.000 Tonnen Abfall in Energie umgewandelt. Die ARGE Veselinovic-Resetarits-Gmeiner-Haferl verpasste ihr eine schicke Karosserie aus orangem Streckmetall.

 

Souverän fasst die übergeordnete Großform mit Betriebsgebäude und Portiershaus die technischen Bauteile zusammen. Die Anlage wird zur Landmark: Oranges und weißes Glas, eingeschnittene Fensterkiemen, Luftbrücken und Galerien akzentuieren die Wege, schaffen Einblicke und hochwertige Arbeitsplätze. Die Müllverbrennungsanlage in der Pfaffenau ist eine der modernsten Europas. Ihr energetischer Wirkungsgrad liegt bei 76%, weit unterschreiten ihre Emissionswerte die geforderten Limits. Pro Jahr landen 17.000 Tonnen Küchenabfall in den Vergärungstanks der Biogas Wien, an die 250.000 Tonnen Rest- und Sperrmüll werden in der Verbrennungs- und Rauchgasanlage rostbefeuert, gefiltert, gereinigt und in 65 GWh elektrischer Energie und 410 GWh Fernwärme umgewandelt. Damit lassen sich die Anlage betreiben, 50.000 Haushalte mit Fernwärme und 25.000 mit Strom versorgen.
2003 schrieb die Wiener Kommunal UmweltschutzprojektgesmbH einen offenen, zweistufigen, EU-weiten Wettbewerb zur Gestaltung ihrer äußeren Erscheinungsform mit Portiersloge und Verwaltungsbau aus. Alle anlagespezifischen Elemente waren vorgegeben, 33 Teilnehmer reichten ein, die ARGE Veselinovic-Resetarits-Gmeiner-Haferl siegte. Sie entwickelte eine überzeugende, übergeordnete Großform, die den heterogenen technischen Bestand zur Landmark am Stadtrand transformiert.
Sie ist mit orangem, pulverbeschichteten Streckmetall verkleidet. Die 1,50 x 3 Meter großen Tafeln haben eine lichtdurchlässige, rautenförmige Struktur und sind auf einer Unterkonstruktion aus Stahl montiert. Dieses dreidimensionale, netzartige Gewebe umhüllt alle Bauten, erzeugt schöne Schatten und vermittelt eine starke Corporate Identity. Souverän bewältigt es die enormen Dimensionen und zieht sich quasi organisch als integratives Verbindungselement um die ganze Anlage.
Die umwelttechnologische Hochleistungsmaschinerie wird zu einer faszinierenden, von Öffnungen, Luftbrücken, Stegen, Fluchttreppen, Rampen, Oberlichten und Freiräumen durchzogenen Industrielandschaft, die sich mit großem Erlebniswert erfahren lässt und Räume von hoher Aufenthaltsqualität schafft.
Gegenüber eine Sonder- und Sperrmüllanlage, gleich dahinter die Hauptkläranlage Wien. Das Grundstück liegt unweit der A4 im Umweltzentrum Pfaffenau, die Zufahrt erfolgt an der Johann-Petrak-Gasse im Süden. Von der Vergärungsanlage im Nordwesten erstreckt es sich der Länge nach über 285 Meter bis zur Rauchgasreinigung am Ende. Ihr Schlot ist 86 Meter hoch, der Müllbunker fast hundert Meter breit, der Kranrevisionsplatz liegt in 52 Meter Höhe. Daher ist das Betriebsgebäude als Hochhaus gewidmet. „Der Maßstab ist sehr groß, wir haben bei diesem Projekt viel am Modell gearbeitet,“ so Sne Veselinovic und Erwin Resetarits. „Wir wollten eine dynamische Karosserie schaffen, die auf Bestand und Umfeld reagiert. Dabei haben wir die technischen Anlagen nicht gesondert betrachtet, sondern durch die Gestaltung der Fassaden und Dachlandschaften einbezogen.“
Ihre Materialität ist ruhig und reduziert: klare Baukörper Sichtbeton, Tanks aus Edelstahl, orange Rolltore, begrünte Flachdächer. Das E-Gebäude ist mit Aluminiumkassetten, die Rauchgasreinigung mit grauen Eternitplatten verkleidet. Um ihre Ecken ziehen sich Bänder aus dreischaligem Profilitglas. (…)
Photos Rupert Steiner
Text Isabella Marboe