Im traditionellen Wiener Arbeiterbezirk Meidling gelang dank der Initiative einer privaten Bauherrin ein Paradebeispiel zum Thema sanfte Stadterneuerung.  


 

Neuer Hof im Gründerzeitblock  

Wenngleich Hofhäuser in Wien jahrhundertelange Tradition haben, so assoziiert man mit einem „Hof“ heute vor allem jene im Zuge des sozialdemokratischen Wohnbauprogramms des „Roten Wien“ entstandenen Superblocks oder auch die in Form von Lückenverbauungen innerhalb der Blockstrukturen der Gründerzeit errichteten Anlagen, die stets mit großzügigen und begrünten Höfen ausgestattet waren. Im zwölften Wiener Gemeindebezirk finden sich etliche Beispiele dafür, wie der Fuchsenfeldhof (1925) von Hermann Aichinger und Heinrich Schmid, der Leopoldine-Glöckel-Hof (1932) von Josef Frank oder der Bebel-Hof (1926) von Karl Ehn. Der in der Nähe dieser drei bedeutenden Anlagen liegende neue Wolfshof hingegen hat nichts mit dem städtischen Bauprogramm zur tun. Namensgebend ist seine Lage in der Wolfganggasse, einer unspektakulären, aber auffallend grünen Gasse, der eine Allee aus Ahornbäumen und gut gepflegte Grünstreifen eine angenehme Atmosphäre verleihen. Die Bebauung stammt hier mit wenigen Ausnahmen aus der Gründerzeit.  Im Gebäudeblock nördlich der Flurschützstraße ist hier seit Jahrzehnten das traditionsreiche pharmazeutische Familienunternehmen Dr. A. & L. Schmidgall ansässig. 

Mit der Entscheidung, die Produktion zu verlagern und nur noch das Büro am Ort zu belassen, war das Firmenareal frei für eine neue Nutzung. Also lud die Eigentümerin fünf Architekturbüros zum Wettbewerb für einen ökologisch korrekten Wohnbau mit viel Frei- und Grünraum, den das Architekturbüro gerner°gerner plus für sich entscheiden konnte.  Gut ein Drittel der Fläche eines städtischen Blocks zwischen Wolfganggasse und Schallergasse stand zur Disposition.  

Eines der raren ausgezeichneten Beispiele der Gegenwart für sanfte Stadterneuerung im gründerzeitlichen Bestand.

Franziska Leeb

Es geht auch sozial 

So ein Eingriff in eine gewachsene Baustruktur vermag sowohl das bauliche als auch das soziale Gefüge in Ungleichgewicht bringen, wenn – wie man es heute überall in der gründerzeitlichen Stadt beobachten kann – vor allem das Rendite-Denken die Planung regiert. Es geht auch anders, wie das ambitionierte Projekt in Meidling – eines der raren ausgezeichneten Beispiele der Gegenwart für sanfte Stadterneuerung im gründerzeitlichen Bestand – vorbildhaft zeigt. Zwar musste einiges an alter Substanz weichen, wie das aus den 1960er-Jahre stammende Bürohaus an der Wolfganggasse und auch das parallel dazu gelegene Gründerzeithaus Schallergasse 44.  Beide wurden durch Neubauten, die formal die gleiche Sprache sprechen ersetzt. Teil des Ensembles ist auch das Haus Schallergasse 42, das 1913 als Wohn- und Fabrikshaus für die Spiegelglasfabrik Johann Arminger von Baumeister Jaroslav Bublik erbaut. Saniert und im Dachgeschoss ausgebaut bildet es mit den beiden Neubautrakten ein stimmiges Ganzes um einen abwechslungsreich gestalteten Innenhof.

Es geht auch anders, wie das ambitionierte Projekt vorbildhaft zeigt.

Franziska Leeb

Wiener Fassade, neu interpretiert  

Der Wolfshof gibt sich den die Wolfganggasse entlang Kommenden schon aus der Ferne zu erkennen. Nachdem es die Wiener Bauordnung seit ein paar Jahren wieder zulässt, Balkone über dem Gehsteig auskragen zu lassen, wurde davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Unterschiedlich weit ausgezogenen Schubladen gleich strecken sie sich mehr oder weniger tief in die Luft über dem öffentlichen Gut der Wolfganggasse, als würden sie nach den Baumkronen greifen wollen. Bei den flacheren handelt es sich um den Zimmerfenstern vorgelagerte Pflanztröge, die tieferen bilden – ebenfalls mit integrierten Pflanztrögen ausgestattet – kleine, uneinsehbare Raumerweiterungen ins Freie. Der helle Ton des Weißbetons kontrastiert fast unmerklich mit dem Creme-Ton der Fassadenverkleidung. Weil man mit möglichst natürlichen Materialien arbeiten wollte, wurde die Fassade nicht in ein Wärmedämm-Verbundsystem gepackt.

Der helle Ton des Weißbetons kontrastiert fast unmerklich mit dem Creme-Ton der Fassadenverkleidung. Weil man mit möglichst natürlichen Materialien arbeiten wollte, wurde die Fassade nicht in ein Wärmedämm-Verbundsystem gepackt.

Tragwerksplanung

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