yes architecture: Ferienhaus im Sausal, Steiermark – Klein, aber groß – architektur.aktuell

Kontemplatives Ensemble

Kontemplatives Ensemble: Maistrockner, Plumpsklo, Haus, Bäume | A contemplative ensemble: drying-rack, house, trees © SOMMER-ART.AT

Das „Kellerstöckl“ ist ein uralter und charakteristischer Bautyp der Weingegend im Südosten Österreichs. Seine ursprüngliche Funktion musste er im modernen Weinbau längst aufgeben – aber als Add-on-Basis für Ferienhäuschen ist er perfekt geeignet.

200 Jahre Weinkultur

Maiskolben, vulgo „Woazstriezl“, wurden früher in schmalen, hohen Holz-„Harpfen“ getrocknet, von denen in der Südsteiermark noch einige erhalten sind. Charakteristisch sind die feinen Holzlatten, die mit Abstand montiert sind, um die Luftzirkulation zu begünstigen. So ein alter „Maistrockenkasten“ befand sich auch auf dem Hang-Grundstück im Sausal, das Klaus Kempenaars, einem Grafikdesigner aus New York mit holländisch-österreichischen Wurzeln zum Kauf angeboten wurde. Architektin Marion Wicher ließ sich für den Umbau des daneben liegenden „Kellerstöckls“ zu einer Neuinterpretation des Themas inspirieren. Das alte Stöckl mit Weinpresse sollte zu einem kleinen Ferienhäuschen umfunktioniert werden, wobei das desolate Obergeschoß nicht erhalten werden konnte und daher vollständig geräumt wurde. Stattdessen konzipierte die Grazer Architektin eine klare geometrische Kubatur, die dieselbe Größe hat wie vorher, aber wegen einer Vorgabe der Gemeinde um zwei Meter nach Nordwesten verschoben auf den alten Kellersockel aufgesetzt wurde. Dadurch ergibt sich auf der Talseite ein Vorsprung, während auf der Hangseite ein Stück von der Kellerdecke herausragt, welches mit dunkelgrauem Blech abgedeckt wurde.

Obwohl das Häuschen auf der Straßenseite sehr introvertiert, schweigsam und abstrakt in Erscheinung tritt, sind Textur und Proportionen doch so auffällig, dass viele Passanten neugierig werden. Die nur aus einem Raum und einer kleinen Badezelle bestehende „Bel Etage“ öffnet sich ganz zum Tal hin, wo die Aussicht am schönsten ist. Der Eingang liegt versteckt an einer Seitenfläche, der Zutritt ist nur an dem vorgelagerten Betonsockel und einem Blech-Vordach zu erkennen. Hinter der luftigen Lattentür verbirgt sich der eigentliche Eingang, der wie eine Terassentür verglast ist. Auch das Badfenster auf der gegenüberliegenden Seite ist vollständig mit Latten verblendet. Auf der Talseite geht die offenfugige Struktur in einen archetypischen Rahmen über, die vollflächige Glasfassade ist ein wenig zurückgesetzt, so dass sich eine schmale „Loggia“ ergibt. Der Platz vor der niedrigen alten Kellertür wurde bekiest und mit einer Sichtbetonmauer flankiert. Hier möchte der Bauherr später noch eine weinberankte Pergola anbringen, wie es bei traditionellen Winzerkellern üblich ist. So entsteht dann noch ein lauschiger Vorplatz mit direktem Zugang zum 200 Jahre alten Weinkeller, ideal für die Gästebewirtung im Freien. Der Kiesboden setzt sich im Keller fort, nur für die Gehflächen wurde Beton eingebracht. Das urige alte Ziegelgewölbe konnte erhalten bleiben, darüber musste allerdings eine Betonplatte eingebaut werden, auf der das Obergeschoß nun aufliegt.

 

Photos: Wolfgang Croce, Klaus Kempenaars, SOMMER-ART.AT
Text: Irmgard Brottrager