Haus am Schottentor: Brandschutz mit Zeitreise

Das ehrwürdige Haus am Schottentor hat schon viel erlebt. Nach seiner Errichtung 1910–1912 für den Wiener Bankverein beherbergte es mehrere Unternehmen aus dem Finanzbereich, bevor es 2018–2021 umfassend revitalisiert wurde. Hoyer Brandschutz hatte die Aufgabe das Gebäude brandschutztechnisch zu modernisieren – eine historische Spurensuche inklusive.

Nach seiner Wiedereröffnung schlägt das Haus am Schottentor mit einem neuen Nutzungskonzept und runderneuerter Haustechnik ein weiteres Kapitel in seiner Geschichte auf. Der frühere Kassensaal, in dem über hundert Jahre lang Bankgeschäfte abgewickelt wurden, beherbergt nun einen Nahversorger mit Gastronomie-Zone, der einstige Tresorraum ein Fitnessstudio. Hinzu kommen flexible Büroflächen.

Der denkmalgeschützte Kassensaal im Hochparterre: Die Eisenbetonrippendecke konnte durch eine brandschutztechnische Einzelbewertung erhalten werden. © Robert Tober

Zurück in die Errichtungsjahre

„Alles neu“ war in puncto Brandschutz aber nicht die Devise, denn viele Bereiche des Hauses stehen unter Denkmalschutz. Sie mussten erhalten bleiben, aber dennoch zeitgemäßen Anforderungen entsprechen. Dazu zählen der Kassensaal im Hochparterre sowie im 1. OG – der früheren Direktionsetage – das prunkvolle Oktogon. Für das Brandschutzkonzept musste der Blick zunächst in die Vergangenheit gerichtet werden. Die sprichwörtlich größte Baustelle war der Erhalt der Eisenbetonrippendecke über dem Hochparterre. Sie wurde mit einer brandschutztechnischen Einzelbewertung in aufwendiger Kleinarbeit analysiert. Dabei prüfte Projektleiterin Margit Petrak-Diop über 140 Seiten mit statischen Berechnungen aus dem Jahr 1913, verortete jeden Bauteil in den damaligen Plänen und rekonstruierte so den Feuerwiderstand der Decke Stück für Stück. „Erst dann konnten wir planen, denn nun waren wir in der Lage zu beurteilen, wo der Schutz ausreicht und wo Teile der Decke ertüchtigt werden müssen“, erklärt sie.

Das Oktogon steht auf der Kippe

Ein planerischer Drahtseilakt war auch die Decke des Oktogons, die mit einem denkmalgeschützten ornamentierten Glasfeld abschließt. Glas kann Feuer nicht viel entgegensetzen – trotzdem musste die Decke im Brandfall neunzig Minuten Feuerwiderstand bieten. Nach einer Analyse der Konstruktion wurde die Decke in drei Strukturebenen – Glasfeld, Hauptträger und Sekundärträger – eingeteilt und die eigentliche Tragstruktur festgelegt. Diese wurde ertüchtigt und über der Glasdecke ein Hohlboden eingezogen, der den nötigen Feuerwiderstand für den Raumabschluss bietet. Dass sich letztlich eine genehmigungsfähige Lösung findet, war lange unklar, so Petrak-Diop: „In Zusammenarbeit mit dem Architekten, erfahrenen und geprüften Professionisten und der Behörde haben wir alle Planungs- und Ertüchtigungsoptionen ausgeschöpft.“

Das Oktogon mit seinem denkmalgeschützten Glasfeld: Ertüchtigungen der Tragkonstruktion sicherten den Fortbestand im Original. © Robert Tober

Verbesserte Anlagentechnik

Insgesamt wurden mehr als 100 Räume revitalisiert, die Haustechnik erneuert und auch der anlagentechnische Brandschutz wesentlich verbessert. So wurde nicht nur die Brandmeldeanlage komplett neu hergestellt, sondern es kamen auch brandfallgesteuerte Rauchableitungsöffnungen, Anlagen zur Brandrauchverdünnung und Sicherheitsbeleuchtung auf dem neuesten Stand der Technik hinzu. Eines sucht man aber weiterhin vergeblich: Löschanlagen. „Sprinkler lassen sich in historischen Gebäuden kaum unsichtbar unterbringen und zerstören zwangsläufig Bausubstanz. Im Haus am Schottentor waren andere Maßnahmen außerdem deutlich wirtschaftlicher“, erklärt Petrak-Diop.

Insgesamt wurden mehr als 100 Räume revitalisiert, die Haustechnik erneuert und auch der anlagentechnische Brandschutz wesentlich verbessert. © Robert Tober

Rentabel entscheiden und planen

Apropos Wirtschaftlichkeit: Bauherren und Architektur schon bei der Projektierung Entscheidungsgrundlagen im Brandschutz zu liefern, sieht Petrak-Diop als zentrale Aufgabe eines Fachplaners: „Was ändert sich, wenn ich eine Garage einbaue oder ein Restaurant? Welche Nutzung hat welche brandschutztechnischen Anforderungen und wie hoch sind die Kosten? Dazu müssen wir Fakten bereitstellen.“

Insgesamt fünf Treppenhäuser stellen sicher, dass Flüchtende von jedem Punkt im Haus nach maximal 40 Metern einen sicheren Ort im Freien oder ein anderes Fluchttreppenhaus erreichen. © Robert Tober

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