Young Designer Trendtable auf der domotex 2017

Im Juli 2016 spannte die DOMOTEX sechs junge Designer aus fünf Ländern mit dem Designer Stefan Diez als Mentor in seinem Atelier in München zu einem Workshop zusammen. Das war der Auftakt für eine intensive Feldforschungs- und Experimentierphase in puncto Boden, deren Resultate unter dem Label „Young Designer Trendtable“ vom 14. Bis 17. Jänner im Rahmen der innovations@DOMOTEX auf einem eigenen Stand in Halle 9 präsentiert wurden. „Unser Ziel war nicht, etwas zur produzieren, das Sie vielleicht kaufen, sondern eine Diskussion anzuzetteln, wohin künftige Trends hinführen könnten“, so Andreas Gruchow, Mitglied des Vorstands der Deutschen Messe AG. „Es ging bei unserem Workshop nicht darum, die Trendfarbe des nächsten Jahres herauszufinden, das Thema war wesentlich komplexer“, so Stefan Diez. „Die jungen Designer sind starke Charaktere und hatten alle einen sehr persönlichen Zugang zum Thema Boden. Jeder von ihnen nahm eine andere, höchst relevante Fragestellung auf.“

Bilge Nur Saltik, eine Designerin aus der Türkei und London, die am Londoner Royal College of Art bei Tord Boontje Produktdesign studiert hatte, interessiert generell die Kombination verschiedener Materialien, Handwerkstraditionen und kultureller Einflüsse. Außerdem schätzt sie, auch die Geschichten hinter den Objekten in ihrem Design wieder anklingen zu lassen oder frei zu legen. Für den Young Designer Trendtable erarbeitete sie unter dem Titel „Transitions“ prototypisch neue, fließende Übergangsformen unterschiedlicher Materialien. „Die Städte wachsen, während die Räume, in denen wir leben, schrumpfen“, so Bilge Nur Saltik. „In unseren Wohnungen sind die Zimmer am Boden immer klar getrennt, obwohl wir oft offene Räume und offene Küchen haben. Wir trennen klar in Nassräume und Wohnräume und schränken uns damit selbst ein. Ich überlegte mir, wie man diese Übergänge weicher gestalten könnte.“ Bilge Nur Saltik kombinierte sie harte Oberflächen wie Fliesen mit weichem Teppichbelag. Wellenförmig geht das eine in das andere Material über und durchdringt es auch punktuell. „Ich haben diese Teile gleichermaßen miteinander verwoben“, so Bilge Nur Saltik. „Diese Art von Boden verbindet auch die Zimmer miteinander und erzeugt neue Momente im Raum.“

Die schottischen Designer Jane Briggs und Christy Cole, die gemeinsam das Kreativstudio Briggs & Cole in Glasgow bilden, studierten beide an der Glasgow School of Art. „Uns inspiriert vor allem die Herausforderung, mit neuem Material zu experimentieren – immer in Hinblick auf die spezifische Umgebung“, so Christy Cole. Außerdem befasst sich das Studio stark mit handwerklichen Techniken an der Schnittstelle von Kunst und Design und setzt gern zwei- und dreidimensionale Collagen als Stilmittel ein. In diesem Fall nahmen sie den Genius Loci des MERZbau von Kurt Schwitters in Hannover – der Stadt der DOMOTEX – auf. Unter dem Titel „Merzing“ entwickelten Briggs & Cole spezielle, mehrfarbige Fliesen mit einer sehr grafischen Struktur, die sich sowohl für den Boden, als auch für Wand und Decke eignen. „Uns interessiert, wie Material definiert wird und wie diesem im Laufe der Zeit neue Werte zugeschrieben werden. Unser Hauptinteresse liegt darin, die Entwicklung des Merzbaus als allmähliche Öffnung eines Raums nachzuvollziehen, von dem aus sich innerhalb eines Familienwohnhauses Bereiche des 'Wohnens' und Bereiche der 'Kunst' entfalten," so Briggs & Cole. „Die Fliesen haben zwei Designs in sehr kubistischen Formen. Das Design hat keinen Anfang und kein Ende, man könnte es grenzenlos fortsetzen. Es basiert auf der fotografischen Rekonstruktion des MERZbau im Sprengel Museum. Man könnte sie auch in Holz bestellen.“ Briggs & Cole glauben stark an die Kraft der Geschichte hinter einem designten Produkt. „Sie fügt dem Design etwas Persönliches hinzu.“ Die Fliesen wurden mit Digitaldruck bearbeitet und zeigen so auch neue Möglichkeiten dieser Technologie auf.

Die französische Designerin Victoria Wilmotte studierte in Paris Innenarchitektur und machte dann den Master für Produktdesign am Royal College of Art in London. „Ich liebe Prozesse und die Herstellung. Ich liebe Werkstätten, Organisation und Atmosphäre. Und ich liebe es, mit den Limits von Techniken zu spielen.“ Für den DOMOTEX Design Trendtable nahm sie sich das Material Marmor vor, um es in ihrem Projekt „Mineralartificial Walking“ auf eine zeitgenössische Art zu verfremden. Wilmotte nutzte dabei das Fugenmaterial, das normalerweise als schmale Fuge keine besondere Rolle spielt, um damit besondere Akzente zu setzen. In den Marmor wurden 2mm tiefe Strukturen gefräst und dann mit einem Binder aus Kunstharz aufgefüllt. „Ich habe ein ganz klassisches Muster verwendet, aber es sieht überhaupt nicht mehr wie ein Steinboden aus“, so Wilmotte über zwei Designs, mit denen der Marmor durch relativ breite Fugen in starken Farben in quadratische und rechteckige Flächen geteilt wird. Zwei andere, organische Motive lassen den Marmor so wirken, als ob Kiesel in einem Farbenbett frei floaten würden. In jedem Fall sieht der durch diese Design-Strategie verwandelte Marmor ganz anders aus als gewohnt.

Die deutsche Designerin Hanne Willmann näherte sich der Sache sehr pragmatisch an: Ihre Onkel besaßen ein Teppich- und Parkettbodenunternehmen, schon als Kind spielte sie am liebsten mit Bodenplatten und anderen Materialien. Später studierte sie dann Industrial Design an der Universität der Künste in Berlin und der ELISAVA Escola Superior de Disseny in Barcelona. „Spannende Herstellungstechniken und neue Materialkombinationen inspirieren mich“, sagt sie. „In meinem Studio sammle ich deshalb kistenweise Materialproben und Moodboards.“ Willmann wollte dem Handwerk wieder die Bedeutung geben, die es früher hatte – um damit ihre Wertschätzung dafür zum Ausdruck zu bringen. Außerdem wollte sie das Produkt mit ihrem Design individualisieren. Sie verfolgte diesen Ansatz in ihrem Projekt „New Authentics“ bei unterschiedlichen Bodenmaterialien. So liebt die Designerin Linoleumböden sehr. „Linoleum ist mein Lieblingsboden. Allerdings wird es in Bahnen von zwei Metern hergestellt – die Schweißnaht, wo eine Bahn an die andere anschließt, sieht man immer.“ Das störte die Designerin und sie machte den Makel zur Stärke und zum Erkennungsmerkmal, indem sie für das Linoleum Muster wie beispielsweise Quadratraster entwarf. In ihnen verliert sich die Naht vollkommen. Bei Fliesen wurde die Mörtelmasse zum Gestaltungselement: sie darf in Willmanns Design aus Löchern hervorquellen und den Fliesen so eine leicht erhabene Struktur verleihen. „Wenn man an einem Boden etwas selbst machen kann, bekommt man eine emotionale Beziehung zu einem Produkt und wird es deshalb länger behalten“, so Willmann. Aus diesem Gedanken heraus entwickelte sie einen Boden, bei dem die oberste Schicht teils abgefräst ist: so entstehen Bahnen im Holzfurnier, die der Besitzer selbst mit Teppich oder anderem Material befüllen kann.

„Jeder meiner Entwürfe beginnt mit der Faszination für eine bestimmte Technik oder ein Material und dem Drang, diese komplett zu verstehen, um sie mir anzueignen“, so Klaas Kuiken, der vom Magazin Frame zu einem der besten Studenten des Abschlussjahrgangs 2010 der ArtEZ Hochschule der Künste in Arnhem ernannt wurde. Beim Thema Boden interessierte Kuiken der Aspekt der Beweglichkeit und Veränderung: „Wir haben viele Filme und Fotos gemacht. Uns schwebte ein Boden vor, auf dem man Spuren hinterlässt, wenn man ihn betritt. Wie auf Schnee oder im Sand. Schnee war unser Ausgangspunkt.“ Um diesen Effekt zu erreichen, entwickelte Kuiken unter dem Titel „Track & Trace“ eine prototypische Bodenfläche aus einzelnen, high pressure MDF-Platten mit kristalliner Struktur, die beweglich gelagert sind. Der Spalt zwischen ihnen wird von unten erleuchtet – sobald man den Boden betritt, verbreitert er sich, um dann langsam wieder die Ausgangsposition zu erreichen. Ein durchaus spannender, zukunftsfähiger Ansatz.